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einhorn insel der seligen

Wand-Geschichten



Mit Sorry entschuldigt man sich. Auch dann, wenn man es nicht wirklich ernst meint und sozusagen eine wegwerfende Bewegung mitdenkt. Es ist ein Fremdwort, das man flapsig vor sich hin spricht.

Das Sorry an der leeren Wand ist anders. Es ist eingebunden in eine Art Haus oder Gehäuse. Man glaubt, ein Tor zu erkennen, zwei turmartige Strukturen beidseits einer perspektivischen Öffnung. Buchstaben könnten die Bausteine sein, aber ich kann sie nicht klar erkennen. So bleibt dieses Alltagswort ein ominöses, vieldeutiges Zeichen.

Dazu gesellt sich die Möglichkeit, dass das „Gehäuse“ erst nachträglich von fremder Hand hinzugefügt sein könnte. Die Farbe verstärkt diesen Verdacht. Als sollte das, was Sorry aussagt, konterkariert oder zumindest in irgendeiner Weise kommentiert werden.

Umgekehrt könnte Sorry erst nachträglich hinzugefügt worden sein.

Dass wir spontan geneigt sind, das einzelne Wort auf die beiden ihm gegenüberstehenden Zeilen zu beziehen, rührt daher, dass eine „Entschuldigung“ für sich allein keinen Sinn ergibt, sondern die Fragen aufwirft, wer sich bei wem entschuldigt und wofür.

Der Sinn der oberen Zeile scheint unmissverständlich zu sein. Nur: ein so charakterisierter Mensch braucht sich nicht zu entschuldigen. Es ist traurig, manchmal sogar gefährlich, nicht verstanden zu werden. Eher muss sich derjenige, der kein Verständnis zeigt (oder zeigen kann) entschuldigen.

Der Sinn der unteren Zeile ist purer Spekulation preisgegeben, er wird durch das durchgestrichene Wort torpediert. Von der Wortlänge her dachte ich zuerst an Arrest, dann an Arbeit oder Armut, aber da holpert die Grammatik. Holperte sie weniger, wenn das durchgestrichene Wort ein mit A beginnender Eigenname wäre? Das Unkenntlichmachen des fraglichen Wortes wurde offenbar energisch vorgenommen. Dass es jemand anderes durchgestrichen hätte, daran denkt man hier eher nicht. Aber in beiden Fällen denkt man an die Löschung eines Namens, der nicht öffentlich gemacht werden soll oder darf.

Das Wort gesteht lässt an ein Verhör denken, durchgeführt von einer Autorität beanspruchenden Person, Institution oder Gruppe.

In meiner Jugend waren derlei „Textkämpfe“ sehr in Mode, „Wandzeitungen“ florierten. Heute scheint es jenseits von fuck oder Hass oder acab nur selten solch differenzierte Wand-Botschaften zu geben.