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einhorn insel der seligen

Der Zuschauer


Da ist er. Er ist da. Er guckt. Er ist völlig harmlos. So harmlos wie ein Ornament.

Er ist nackt. Er hält nichts versteckt. Er ist ungefährlich.

Seine Augen sind rund und weit geöffnet, wie Scheinwerfer. Jedes ein Doppelkreis.

Seine Augen liegen im Schatten der Brauenbögen, unsichtbar. Lider geschlossen, Lider offen, Lider blinzelnd, du weißt es nicht.

Den Kopf hält er gerade. Sein Leib – richtet er sich auf? Duckt er sich? Holt er aus zu einem Schlag?

Er betrachtet dich. Was war es für eine Tätigkeit, die du soeben unterbrochen hast, um seinen Blick zu erwidern?

(Denn es ist überaus wichtig, Blicke zu erwidern)

Was hättest du tun wollen, hättest du nicht entdeckt, dass er dich betrachtet?

Fakt ist: er betrachtet dich. Mit gedoppelter Energie. Du bildest dir ein, sie zu spüren. Wie eine Strahlung geht sie von ihm aus.

(Nein, reine Einbildung! Du hast dich in sein Blickfeld geschoben, das ist alles)

Fakt ist: er betrachtet dich. Musst du, sollst du reagieren?

Du hast dir nichts vorzuwerfen. Jeder kann dir bei allem, was du tust, zuschauen, nach Herzenslust. Wenn einer erwartet, du wärest im Begriff, etwas Besonderes, etwas Verbotenes vielleicht, zu tun, wie wäre der im Irrtum! Beschämt müsste er den Blick abwenden, den Kopf senken …

Er macht dazu keine Anstalten.

Da geht es dir durch den Kopf: er ist aus Stein.

Und du stehst bewegungslos, wie versteinert.

Könnte es nicht sein, dass er, weil dein Blick auf ihn fiel, weil du ihn plötzlich entdeckt hast in diesem diffusen Dämmer, dass er zu Stein geworden ist?

(Die Griechen haben diese Geschichte, dass ein kurzer Blick des abgetrennten Kopfes der Gorgo jedermann zu Stein werden lässt, zuerst erzählt)

Dann wärest du dieses Ungeheuer. Alles um dich würde zu Stein, wenn deine Augen auch nur Sekunden lang geöffnet blieben. Du wärest eingeschlossen in einer Welt aus Stein, unfähig, auch nur die kleinste Bewegung zu machen. Du wärest ein abgeschlagener Kopf.

So wie er jetzt.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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