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einhorn insel der seligen

Trauer




Die Trauer hängt sich an dich. Sie haftet an dir. Du weißt noch nicht, wie lange. Wie ein Stein, der einen ganzen Rucksack füllen kann.

Setz ihn ab, so oft es geht, deinen Stein, aber setz ihn nicht aus, lass ihn nicht irgendwo liegen. Er gehört jetzt zu dir. Durch ihn bist du vielleicht reicher als manch anderer. Der Stein ist so lebendig wie deine Erinnerung.

Du schweigst. Die Mauer aus Schweigen lässt die Fragen abprallen. Wer trauert, hängt am Leben und darf sich schützen.

Eine Weile lang schweigst du. Dann kommt der Augenblick, wo du selbst die Mauer einreißen wirst. Mach dich auf ihn gefasst, verpass ihn nicht.

Die meisten Fragenden haben Teil genommen an deinem Unglück. Sie werden verstanden haben, dass der Beginn der Trauer keinen Trost zulässt. Sie werden dich deswegen nicht im Stich lassen.

Irgendwann aber geht es mehr um ihre Teilnahme als um dich, um Verlust oder Beschädigung. Du riskierst, auch noch die Tröstenden zu verlieren.

Das darf nicht sein.

Du bist weiter allein mit deiner Trauer, aber um dich herum baut sich wieder eine Welt auf, reicher als zuvor, wer weiß.

Der Stein ist leichter geworden. Nicht wirklich, aber in deiner Empfindung.

Er hat dich stärker gemacht, glaub es nur.

Du vergisst ihn immer öfter. Trotzdem begleitet er dich weiter, als wäre er ein Teil deines Körpers geworden.

Du hast begonnen, den Stein nicht mehr als Last zu sehen. Er erdet dich. Er sagt: Du hast etwas erlebt, du kannst darauf zurückblicken, womöglich sogar mit Stolz.

Du musst dich nicht schämen.

Was du erlebt hast, was schön war, hat aufgehört, weil alles aufhört.

Diese Sicherheit hast du gewonnen.