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einhorn insel der seligen

Tanz und Geist




Da steht einer. Er steht nicht einfach so da. Er fängt gleich an zu tanzen. Er setzt das rechte Bein ab vom linken, verlegt das Körpergewicht. Weiß nicht, ob das etwas wird mit dem Tanzen. Er ist nicht der Schlankste. Jetzt nimmt er den linken Arm zurück, der rechte geht nach vorne. Er erstarrt. Nein, kein Tanz. Nur eine Pose.

Allmählich wird mir klar: Er trägt keinen Zaubermantel - es zeigt sich seine Aura. Man sagt, schon aus deren Farbe können Schlüsse gezogen werden über den ihr zugehörigen Menschen und seinen Zustand.

Die Farbe wie helles Blut, ins Rosa spielend. Ähnlich den Farbklumpen, die aus mehreren Mauerlöchern herausquellen. Über einen Riss steht der Mann mit zweien in Verbindung, zu einem dritten (und viertem?) steigt etwas von ihm auf wie eine Emanation, ein sichtbar gewordener Gedanke, ein Gedankenfeld.

Es scheint mit etwas Unsichtbarem verbunden.

Ein Auratiker. Jetzt habe ich ein Wort gefunden, kapiert habe ich nichts.

Ich hätte gern in ihm des Schlapphutes wegen einen der Drei Musketiere gesehen, dann favorisierte ich die Idee, er sei der Hüter der Bücher. Seine von Rosa umwölkte imposante Erscheinung sollte die Passanten animieren, dem grellen Neonlicht zu trotzen und die Schaufenster zu betrachten. Bizarre Verrenkungen des Hirns.

Im Laden hält sich ein Kunde auf. Auch er trägt Rot, aber es ist ein anderer Farbbton. Ich meine ein heftig rotes Buch im Schaufenster zu erkennen, das fast völlig von einem anderen abgedeckt wird. Kurzzeitig bin ich versucht, ans Fenster zu klopfen und den roten Mann auf das rote Buch hinzuweisen. Einfacher wäre es, hineinzugehen. Die Tür steht ja offen … Ich bin völlig durcheinander.

Mein Verstand sagt: Von nichts kommt nichts. Nichts geschieht, während meine Augen fiebrig hin und her wandern. Sind womöglich Geister unterwegs? Eine Aura kommt selten allein.

Eine Aura ist etwas rein Gedachtes, unsichtbar. Wenn also ich - und wer weiß, noch andere - die Aura sehen können, so ist das ein besonderes Momentum, das über die Erscheinung des Augenblicks hinaus weist.

Ich sehe mich vorsichtig um. Niemand weit und breit. Ich trete zu dem Auratiker, fasse ihn an. Das heißt, ich berühre die gemalte Figur, streiche ihr über den Körper. Natürlich nicht dort, wo sie nackt ist. Nur an den roten Stellen. Es fühlt sich klebrig an, so dass ich die Hände rasch zurückziehe.

Ich bekomme meine Handflächen und besonders die Fingerpitzen lange nicht sauber. Hartnäckig haftet die Farbe.



(Foto: Andreas Chwatal)

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