Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Old Loincloth


Dass Neanderthaler nur dicke Pelze trugen, ist eine bedauerliche Falschmeldung, beinahe eine Lüge. Denn natürlich gab es in den vielhunderttausend Jahren ihres Erdendaseins auch Warmzeiten. Da waren die Pelze, die sie von ihren Ahnen geerbt hatten, direkt lästig.

Sie wussten noch nicht, dass es Kratzbäume gab. Zeitreisen waren noch nicht erfunden.

In ihrer Welt bewegten sie sich durchaus mit Grazie. Ihr einziges Warmzeitkleidungsstück war länger, als es hätte sein müssen, und schwang frei zwischen den mächtig einher stampfenden Schenkeln vor und zurück, vor und zurück. Übrigens ein Unisex-Modell. Kinder wurden länger gestillt als heute, und sie kamen in kaum unterbrochener Folge. Vom ständigen Über- und wieder Abstreifen eines Topps hatten sich die Frauen und zwangsweise dann die allgemeine Sitte losgesagt.

Wenn jemand denkt, ich wollte euch eine Ötzi-Geschichte auftischen, der irrt sich! Gewaltig! Kinder, Kinder!

Ihr seht: der Neanderthaler-Rücken ist makellos, kein Pfeil hat ihn geritzt, so wenig, das versichere ich euch, wie seinen Popo oder seinen Nacken, beide sind ja von wallendem Tuch und wallender Lockenpracht verhüllt. Der Bursche verdankt seine Existenz einem uns bekannten Puppenschnitzer, eine Auftragsarbeit, damit wir die Geschichte erzählen können von Old Loincloth (wie hätten wir ihn, bitteschön, anders benamsen sollen?) und den Tücken des Fernsprechs.

Während er noch schlief, berauscht von den Klebe-Dämpfen des Schnitzers (unabdingbar für die Fixierung der Locken), setzten wir ihn in diesem Telefonitis-Paradiesgärtlein aus. Es wurde vorsichtshalber eingehegt (Elektrozaun), wir wollten Old Loincloths zu erwartende Aktivitäten in Grenzen halten, dafür umso intensiver beobachten. Ein Paläontologe vom Neanderthal-Museum bei Mettmann (ME) übernahm die Simulation und bewegte die Figur, brachte sie in jeweils neue Positionen.

Wie erwartbar, drückte der Mann aus der Steinzeit sämtliche Knöpfe, die Telefonleiber antworteten mit einem für uns nicht vernehmbares Sirren, Old Loincloth konnte es hören. Das faszinierte ihn. Er tänzelte. Er verwandelte rein physikalische Geräusche in Rhythmus, in ihm begann eine unerhörte kulturelle Bewegung. Höhepunkt war der einzige rote Knopf, der einen anderen Sound erzeugte und den er immer wieder betätigte, als ob er bereits süchtig sei. Von Telefonieren konnte natürlich keine Rede sein, denn um den Hörer abzunehmen, geschweige denn, ihn ans Ohr zu halten, reichte der sehr eindrucksvolle Bizeps Old Loincloths nicht aus.

Wir verfolgten die Entwicklungen gebannt.

Bis die Katze kam, am Kratzbaum schnupperte und von einem Stromstoß getroffen fauchend zurückprallte.

Unser Spezialist erschrak (er besaß keine Empathie Katzen gegenüber), kam seinerseits mit dem Zaun in Kontakt und ließ vor Schreck Old Loincloth fallen. Dieser knallte mit dem Kopf in die Maschen und verlor das Bewusstsein. Hätte er nur aus Holz bestanden, wäre er wieder aufgesprungen, aber der Klebstoff, an dem sein Haar hing, leitete elektrischen Strom ausgezeichnet. Das Experiment war Knall auf Fall beendet.

Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit Größenverhältnissen, die nicht stimmen! Plappern Sie nicht von nicht vorhandenen Schnittstellen zwischen Spezialistenhirn und Bewegungsimpulsen in einem der Puppe eingesetzten nicht vorhandenen Chip! Und: jawohl, mir ist der Unterschied zwischen Telefon und Fernbedienung bekannt!

Denken Sie lieber darüber nach, warum der Winzling von Kratzbaum innerhalb des Telefonitis-Gärtleins stand! Warum er nicht längst umgefallen war! Sie wollen von toten Ötzis salbadern hören, die Mediziner aufschneiden um in den Därmen tolle Sachen zu entdecken! Bitte! Ich pflege Gedanken-Experimente.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER