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einhorn insel der seligen

Makapansgat



Zum wiederholten Male streifst du durch diese Höhle. Da fällt dein Blick auf einen Stein, auf den durch den momentanen Sonnenstand zufällig Licht fällt, und dein Auge bleibt daran hängen. Es ist diese Farbe, dieses intensive, dunkle Rot, Purpur beinahe, was dir ungewöhnlich vorkommt. Du hebst den Stein auf. Er ist klein, ungefähr kugelförmig, fast kannst du die geöffnete Hand um ihn schließen. Du fühlst Vertiefungen, eine teils rauhe, teils glatte Oberfläche. Ein Geräusch aus dem Innern der Höhle lenkt dich ab, ein Grollen und Rumpeln, wie wenn Steine ins Kollern gerieten. Du bist nur aus Neugier hier, bist kein Höhlenforscher, du gehst besser wieder aus der Höhle hinaus.

Den Stein in deiner Tasche hättest du fast vergessen.

Zuhause zeigst du ihn deinem Freund. Der versteht etwas von Geologie. Er schüttelt jedoch den Kopf, sucht in seinem Lexikon der Mineralien, findet nichts, was genau passen würde. Es könnte eine Variation von Jaspis sein, mit Eisengehalt, meint er schließlich. Er hat oft in dieser Gegend (auch in jener Höhle übrigens) Steine gesammelt, aber so einen hat er noch nie gesehen. Er werde sich erkundigen.

Da entdeckt ihr die Vertiefungen. Sie ergeben ein Gesicht mit Augen und Mund, mit angedeuteten Haaren und sogar Zähnen. Winzig klein.

Eine Skulptur. Ein unglaublicher Fund.


Der Stein kommt zu den Experten. Wir befinden uns in einem Land mit vielen Entdeckungen von Spuren prähistorischer Vorfahren des Menschen.

Die Wissenschaft untersucht, vergleicht und statuiert:

  • Es gibt keine Spuren von Bearbeitung.

  • Das „Gesicht“ ist also auf natürliche Weise entstanden.

  • Jasperit kommt weder in der fraglichen (gründlich erforschten) Höhle noch in einer Umgebung von mindestens drei Meilen vor.

  • Der Stein weist ein Alter von zirka drei Millionen Jahren auf, entstammt also einer Zeit, in der es nach aktuellem Stand der Wissenschaft noch keine Menschen gab, sondern lediglich Australopithecus africanus, den „Südaffen“, einen möglichen Vormenschen. Knochen dieses Australopithecus wurden auch in der fraglichen Höhle gefunden.

(Deswegen warst auch du heimlich dort; wegen der Funde ist sie eigentlich für das nichtwissenschaftliche Publikum gesperrt)


Wie kam dieser Stein an seinen Fundort? Von Überschwemmungen ist nichts bekannt. Kein Tier kann ihn verschleppt haben, wohl aber ein Affe - oder ein Mensch?

Verschleppt wurde er wegen seines besonderen Aussehens, warum sonst? Das heißt, wer immer das war, ob Affe ob Mensch, hatte ein Gesicht erkannt, das dem seiner Spezies ähnlich war.

Affen erkennen ihr Gesicht und damit sich selbst im Spiegel.

Stell dir einen Affenmann vor, der fasziniert den Stein aufhebt und dann meilenweit dahingaloppiert (die Hand mit dem Stein drin kann er zur Fortbewegung nicht benutzen; er kann aber aufrecht gehen, mehr schlecht als recht; die drei Meilen sind also sehr anstrengend). Er legt den Stein seiner Angebeteten zu Füßen (sie schaukelt auf einem niedrigen Ast) - und merkt, dass sie nicht kapiert, was das soll. Sprechen können die Südaffen noch nicht, Keckern oder Brüllen reicht für den komplizierten kulturellen Sachverhalt, der mitgeteilt sein will, noch nicht.

Schon damals gab es das Problem und die Tragik des engagierten ästhetischen Geschenks. Beim Südaffen umso mehr, als die Männer ortstreu lebten, die Frauen selten. Man kannte die neu zugezogenen Mädels nicht und sollte doch ein ordentliches Balzverhalten hinlegen!

Seit Darwins umstürzlerischer Theorie suchte die Wissenschaft nach dem missing link, dem Wesen, das noch Tier, und doch schon Mensch ist. Finden wird man es nie, jeder neue Fund könnte es gewesen sein, doch Funde reihen sich an Funde.

Die Rätsel des Makapansgat pebble bleiben auch beinahe hundert Jahre nach seiner Entdeckung in einer südafrikanischen Höhle ungelöst.