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einhorn insel der seligen

Ein Unklon


Doppelt sein, doch nicht verdoppelt sein. Oder war’s umgekehrt?

Wenn du dir selber mal begegnen würdest – das wär eine Gelegenheit, dich zu sehen, wie die andern dich sehen! Du scheinst nicht gestimmt. Du machst eine abwehrende Bewegung. Heute bitte nicht!

Zu spät. Er breitet sich in der Vitrine aus: beinah so, wie du bist.

Mach guten Mut zum bösen Spiel! Stell dich vor: Das bin ich. Das ist Er, nein, kein Klon. Wir sind nämlich … wir … hier, mein rechter Arm, der macht den Unterschied. Der andere hat keinen.

Es soll doch hier um dich gehen, nicht um …

Du zeigst stolz deine Wunden. Die machen etwas her. Mit Hacke und Knüppel ist man auf dich losgegangen. Doch du bist einfach weiter kerzengerade dagestanden, obwohl nur auf einem Bein, ein Held, ein Dulder. Nun aber wendest du dich ab von deinen Peinigern, du drehst den Kopf zur Seite, du ignorierst sie. Und schon hat sie die Zeit vernichtet, du bist geblieben. Allerdings rückt Er in dein Blickfeld. Und täglich starren dich (und manchmal Ihn) hundert Müßiggänger an. Nicht besser. Du blickst streng und fordernd auf Ihn, auf – ja, was? - deine Zweitausgabe.

Er (oder es?) blickt zurück, blickt dich an. Zeigen ist nicht möglich. Worauf auch zeigen?

Übrigens ist sein Bild getrübt. Licht filtert sich ins Vitrinenglas.

Und es tritt eine Störung ein. Neben dem Doppel-Du ist, kaum größer als sein Geschlecht (oder deines?), eine Seelenfigur aufgetaucht. Seine? Eure?

Kannst du sie sehen? Bedeutet dein ausgestreckter Arm jetzt etwas anderes?

Nähert sich das Seelchen oder entfernt es sich? Es verharrt unbeweglich wie ihr. Gehört es nur dem Einarmigen oder auch dir? Bei Helden ist von einem Seelchen oft gar nicht die Rede. Dein Arm hält sich für alle Fälle bereit, nach dem Winzling zu greifen.

Gemeinsam wären sie stark wie die Dioskuren, sagt unvermittelt eine Gafferin zu ihrem Gaffer und klopft ihm auf die Schulter. Doch der, verärgert über ihre zudringliche Kulturhuberei, wehrt ab: sie seien immer nur der eine oder der andere. Und einer von ihnen sei ein unvollkommenes, weil einarmiges Spiegelbild. Es verschwinde gleich spurlos, wenn sie ihren Standort verließen. Zum Henker mit den Dios- … dings! denkt er. Man muss doch die Sachen so sehen, wie sie sind! fügt er hinzu.

Soso, sein Spiegelbild – aber, Hugosüßer, ich dachte, im Spiegel sieht man sich spiegelverkehrt – wenn man vor dem Spiegel steht, ja? Und wir stehen vor einem doppelten Spiegelbild – müssten wir stattdessen nicht uns sehen – und womöglich doppelt?

Das hat gesessen, denkt sie. Aber so einem G‘scheidhaferl musste sie es geben!

Er lacht schallend und schneidet damit eine weitere Diskussion ab. Ein unruhiger Nachmittag mit Trine scheint bevorzustehen.

Die mutmaßliche Seele haben sie beide nicht bemerkt.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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