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einhorn insel der seligen

Ein Aufenthalt


Heftig atmend liegt sie in der Lichtung.

Ein Arm stützt den zurückgeworfenen Oberkörper, die Hand hat sich festgekrallt im weichen Boden. Der andere Arm liegt über dem Schenkel und lässt die Hand ziellos pendeln. Ihr Kopf ist in den Nacken geworfen, er scheint kaum mehr am Körper zu haften.

Die Grenze ist nicht weit. Ist sie auf der Flucht? Glaubt sie sich gerettet?

Eine Schlange hat sie aufgestört, sie ist ins Gebüsch geglitten, als sie sich niedersinken ließ. Das Tier ist zutraulich, drückt sich an ihre Brüste, sucht ihre Wärme.

Wovor ist sie geflohen?

Sie trägt Beinschienen, eine ist vom Schienbein herabgeglitten. Ihr Rock ist aus klirrendem Metall. Wie ein Kettenhemd schützt er Unterleib und Beine. Eine schwere Last für eine Flüchtende.

Eine Amazone? Sie führt keine Waffen mit sich.

Zu ihren Füßen liegt ein gestürztes Säulenteil. Im Gebüsch ringsherum würde sie die Trümmer vieler anderer Säulen und große Quadersteine finden. Eine vor langer Zeit zerstörte Tempelanlage.

War sie allein unterwegs? Hat sie alle Gefährtinnen verloren?

Wenn sie erzählen könnte! Aber würde man ihr glauben? Einer Fremden? Einer offensichtlich kampferprobten Frau? Würden die Männer im Dorf sich zusammentun und sie umbringen?

Ruhe wird sie hier nicht finden. So wie - vielleicht - nirgends.

Der Oberkörper ist nackt, ohne Schutz. Würde man in der Zutraulichkeit der Schlange ein Zeichen sehen, eine Empfehlung, Asyl zu gewähren?

Die Entscheidung läge bei den Ältesten und den Priestern. Man hielte sie für eine Späherin. Sie spräche eine unbekannte Sprache. Wie könnte sie den Verdacht von sich abwenden?

Eine starke, eine schöne, eine bewundernswerte Frau! Was mag sie auf ihren Irrfahrten nicht alles erlebt haben!

Fotini denkt wie ich. Wir werden sie nicht verraten. Wir haben sie nicht gesehen, wir haben niemanden gesehen. Kräuter haben wir gesammelt, anderswo. In dieser Gegend waren wir nicht unterwegs. Es soll ja Wölfe geben, hier.

So kann sie vielleicht ihr Ziel erreichen. Wir werden es nie erfahren.

Aber stolz werden wir sein.


(Musée Zadkine, Paris)