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einhorn insel der seligen

Schattenrisse


Von deinen Schuhen her entrolle ich mich.

Meine Abbildung, dein Abbild, hat sich verformt, umso mehr, je weiter es sich von deiner früheren Welt entfernt. Es verwandelt sich. Das Letzte, was das alte Leben noch berührt hat, ist so groß, wie du warst. Dann schrumpfe ich – und du mit mir - zu etwas Kleinwüchsigem. Nie wieder andersherum, dass ich mich vergrößere und immer länger werde, wie du es gekannt und gemocht hast. Über einem massigen Unterleib quetscht es dir die Brust zusammen, und, wäre da nicht der Hut, würdest du gerade noch ein Schrumpfköpfchen sehen (deines!), das verloren hin und her pendelt. Dazu Stummelflügel, die uns beide nicht tragen. Bin ich etwa nicht dein Schatten, sondern der eines krüppelhaften Engels?

Die wirklichen Engel tragen keine Hüte, die flögen ihnen unterwegs vom Kopf. Andererseits steht sehr in Frage, ob Engel wirklich fliegen. Sind sie nicht plötzlich da, ohne dass man sie kommen hörte? Und ebenso in einem Hui wieder nicht mehr da. Kein Starten, kein Landen. Nur Gegenwart und Abwesenheit. Wie wir Schatten, manchmal.

Du bist kein Engel, und ich bin eine flüchtige Figur, die schrumpft und verblasst und schwindet, wenn das Licht schwächer wird. Aber nun wird das Licht nie wieder heller sein.

Zu mir musste keiner Vertrauen haben, so wenig wie zu Engeln. So wie ich bin und wie ich war, habe ich keine Dauer.

Ich weiß, das leise Klatschen der Ruder beim Eintauchen hörst du nicht mehr. Du fühlst nur das gleichmäßige Gleiten des Kahns, deine Erinnerung, dass du eingestiegen bist und dabei nicht allein warst, dass das Boot sich abgestoßen hat, dass du mehr, viel mehr, von dir wahrnehmen konntest als deine Schuhe, das alles ist getilgt.

Noch bin ich dein Schatten. Nur du bist nicht mehr du. Du bist in mich hineingeglitten. Und ich habe deine letzte Gestalt angenommen.

Wenn wir ankommen, werden wir keine Kopien oder plattwüchsige Klone unserer früheren Eigentümer sein, sondern ihre Variationen. Wir können alles tun, was sie getan haben. Und auch alles, was sie nicht getan haben. Aber wir sind nur Schatten, die so tun, als könnten sie etwas tun.

Sterben werden wir nicht. Durch dieses Tor sind die vormaligen Eigentümer gegangen. Aber nicht zu ihrem Ruhm und ewigem Gedächtnis bestehen wir fort. Obwohl die Welt, in der wir sein werden, ständig mit den Neuankömmlingen wächst, bleibt sie doch sehr eng. Wir werden stets viele und immer mehr sein. Nur verschwindend geringen Raum wird es geben, in dem wir bei uns selbst sein könnten, du und ich.

Wir Schatten bestehen nicht aus Materie. Aber woraus sonst?

Woher ich das alles weiß (oder nicht weiß)? Ich weiß es nicht.

Es ist, wie es ist.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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