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einhorn insel der seligen

Wege


Farben, vertikale Linien, annähernd parallel.

Parallel, ein Ideal! Da müssen wir uns sehr anstrengen. Es klappt oft nicht. Wir kommen ins Schlingern oder gar ins Schleudern. Man touchiert sich, das bremst, das kann einen sogar aus der Bahn werfen. Im Extremfall blickst du nach einer Pirouette mit einem Mal wieder zurück, wo keiner von den anderen mehr ist. Alle haben dich überholt.

Es wäre gut, wenn du nur einer Farbe folgen müsstest. Wie einem Plan, einer Notwendigkeit, leuchtend und klar. Aber fast immer versiegt oder versickert die Farbe. Nicht so wie die Linie, obwohl auch die manchmal sich verbiegt oder allzu früh abbricht. Aber auf Linien ist Verlass. Ohne Linie gäbe es weder Schrift noch Ziffer, weder Geometrie noch Bauplan.

Farben begleiten uns lediglich ein Stück Wegs. Kaum je bis zum Ende.

Sie machen ihr eigenes Ding, die Farben. An Linien orientieren sie sich nicht. Wir aber sind auf Linien angewiesen. Wir können nicht einfach uns ergießen und uns verströmen in eine vage Zukunft. Das passt sich nicht für uns. Wir haben doch die Vernunft! Wir messen, vergleichen, kalkulieren, planen. Das macht uns weniger abhängig vom Zufall. So haben wir es gelernt. Wird schon so sein.

Die Farben lassen sich nicht klar voneinander trennen. Stufenlos gehen sie ineinander über, wenn ihnen danach ist. Sie lieben Verwandlungen. Das ist eine Art von Freiheit, die bis zur Selbstaufgabe geht. Wir müssen zugeben: daraus erwächst nicht selten so etwas wie Schönheit. Aber wir schütteln trotzdem den Kopf.

Schönheit, Freiheit, alles recht, alles nicht schlecht. Wir betrachten es mit offenem Mund. Das fasziniert, aber fesselt. Wir müssen weiter.

Besonders irritiert, dass aus den Verschlingungen mehrerer Farben plötzlich eine Figur, eine Landschaft oder wenigstens ein Umriss entsteht. Das ist Einbildung, denn da hat sich einfach ein Klecks oder Knäuel gebildet, aber wir sehen darin, wenigstens für Sekunden, eine uns vertraute Form. Danach schütteln wir wieder den Kopf und besinnen uns auf die Vernunft. Es ist ja unser Ordnungssinn, der nicht akzeptiert, dass wir schlicht eine Farbkapriole ohne Bedeutung sehen.

Auch Ordnung kann trügerisch sein.

Und stets ist der gerade Weg voller Verführungen.