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einhorn insel der seligen

Sb1c3


Es handelt sich, obwohl ein anscheinend harmloser Springer zieht, im vorliegenden Fall um die neue, aufregende, von dir so getaufte Springinsfeld-Eröffnung. Ihr größter Vorteil ist die Überraschung. Eine relativ schwache Figur, eine, die nicht geradeweg ziehen kann, sondern nur um die Ecke, darf sich als erste von allen in Marsch setzen. Während die stärkeren, die langschrittigen Figuren, Dame, Türme, Läufer, hinter ihren Bauern verrammelt bleiben, als müssten sie das ganze Spiel lang geschützt werden, so wie man es üblicherweise allein den Königen angedeihen lässt.

Der fette Bär signalisiert die unverbrüchliche Präsenz deines Gegners, mag er sich auch vorübergehend absentieren (Klo, Zigarettenpause, Telefonat mit Experten). Seine Haltung drückt überdeutlich Lässigkeit aus, an der Grenze zu Arroganz, ja zu Unverschämtheit. Die Korpulenz signalisiert: Ich bin kein Sportler, ich bin sogar völlig unsportlich, aber solchen Firlefanz habe ich nicht nötig. Ich bin ein Superhirn, und das wird genügen, dich vom Brett zu fegen.

(Wer gleich zu Beginn einer Partie eine rauchen oder aufs Klo gehen muss, der ist wahrscheinlich nervös und hat kaum die Zuversicht, zu gewinnen, oder?)

Wenn der Spieler zurückkehrt, wird er den Teddy liebevoll (gespielt liebevoll) am Ohr zupfen und ihn sich auf den Schoß setzen, während er, scheinbar ohne zu überlegen, d7d5 zieht. Dann knuddelt er seinen Stellvertreter und lässt ihn mit tapsiger Pfote die Uhr betätigen.

Nach deinem Eröffnungszug bist du aufgestanden und hast dich hinter deinem Stuhl platziert. Du hältst dich an der Lehne fest. Das macht man, um sich aus etwas größerer Distanz einen besseren Überblick zu bekommen. Hier ist es natürlich lächerlich, weil erst eine Figur und ein Bauer gezogen haben. Die Stuhlstütze soll genauso provokativ wirken wie deine seltsame Springer-Eröffnung.

Was bist du für einer, soll sich dein Gegner mit dem Spielzeugbären fragen, ein brillanter Blender oder schlicht ein Depp? Aber d7d5 war ein guter Zug, Herrgott, im nächsten Zug kann der mickrige Bauer ein Feld weiter vorrücken und deinen Springinsfeld-Springer sofort vertreiben.

Du grübelst. Schon jetzt, ganz am Anfang, grübelst du! Die Uhr tickt aufdringlich laut. Da kommt ein Freund vorbei, er schaut dir über die Schulter. Er lacht sich kaputt. Du spielst mit diesem Bärenfummler? Und ich wette, du ziehst jetzt e2e4, dann kommt d5d4, Sc3d5 und e7e6 oder c7c6 und er hat dich direkt am Wickel. Und dann, auf f4, steht dein Springer miserabillime.

Ich verbitte mir den Bärenfummler, erwidert harsch der so Benannte, und ich verbiete Ihnen, dass Sie sich in Dinge einmischen, die Sie nichts angehen. Erregt ist er aufgesprungen. Den Bären hat er am Genick gepackt, er wedelt mit ihm hin und her. Aus seinem heftigen Redestrom hat sich ein Stück Spucke abgesetzt und ist meinem inzwischen gleichfalls weit vorgebeugten Freund an die Backe gehüpft. Der schreit: Wenn hier einer speit und spuckt, dann bin ich das!

Sie fallen, gegen die Abstandsregel und dazu maskenlos, übereinander her. Der Teddy stürzt über Brett und Figuren, mein Freund hat mich beiseite gestoßen, beim Zurückweichen stolpere ich und finde mich wieder zwischen den Beinen mehrerer Stühle. Vorsichtshalber krieche ich rasch um die nächste Ecke, während die beiden Schachfreunde blindlings aufeinander eindreschen.

Hätte sich meine Springinsfeld-Eröffnung in der Schachwelt jemals durchsetzen können?

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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