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einhorn insel der seligen

Maskeraden


Ein alter Freund ist wieder aufgetaucht, wie schön! – aber er erkennt dich nicht. Alter Spezl, wie lang ist das her, seit wir zwei …! Maske ab! Er erschrickt, weil das so aggressiv, so schnell geht bei dir. Noch zögernd zupft er seine herunter. Jetzt freut er sich doch. Ohne Maske ist er befreit. Die Umarmung wehrt er brüsk ab. Wieso hast du an all das nicht gedacht! Gefühle bremsen, heißt die Parole. Behalt sie für dich, deine Gefühle, lass sie drin im Körper, du könntest dich und ihn ja anstecken. Und er könnte dich für einen Maskenverächter, ja für einen Verschwörungstheoretiker halten, der gute alte Wastl! Du hast keine schwere Krankheit, du bist in mittleren Jahren, gleiches gilt für deinen Freund, jedenfalls sieht er so aus, aber jetzt heißt die erste Bürgerpflicht: Verhüten! Verhüten! Das Gesicht muss zurückstehen. So tolerant muss die Freude sein.

Karneval ist vorbei. Hinter der Maske kannst sich einer auch tarnen. Lächeln oder Grinsen? Skepsis oder Zustimmung? Nicht auf Anhieb zu erkennen. Natürlich sind auch die Augen immer mit dabei, aber da ist gehörig Konzentration nötig, um zu erfassen, was sie dir sagen. Die Rede, maskendumpf, erfordert gleichfalls große Aufmerksamkeit. Nuancen sind nur mit Mühe herauszuhören.

Aber nichts zu machen. Masken sind Pflicht. Die Oberen wollen Verantwortung zeigen. Deswegen darf dein Gesicht nicht mehr richtig sprechen, Deswegen wird deine Rede an die Grenze des Verstummens geführt.

Mit der Maske geschieht dir nichts. Und du zeigst nicht nur, dass du entschlossen die Seuche bekämpfst, sondern auch, dass du ein brauchbarer, weil verlässlicher Bürger bist. Jetzt müssen alle zusammenstehen, Maske an Maske, eine Phalanx gegen den heimtückischen Eindringling in unsere Körper. Nur allzu eng darf man nicht zusammenstehen.

So wie die Leute in den Heimen. Die, die Pech gehabt haben mit dem Geburtsdatum. Die, die Pech gehabt haben mit der Gesundheit. Die, die jeden Tag dreimal im Speisesaal sitzen, Ellbogen an Ellbogen.

Ja, die Abstandsregel. Die Oberen haben sie auch für die Kerngesunden, die starken, strammen Bürger, verallgemeinert. Es war eine Anstaltsregel und ist eine Anstandsregel geworden.

Schließlich kommen wir alle in die Jahre. Wir alle werden einmal krank und kränker. Gegen Viren gibt es kein Medikament, nur gegen manche Symptome.

Einer Impfung misstrauen viele. Und ohne Impfung ändert sich nichts, das ist das Gesetz, das die Oberen zu verkünden nicht müde werden. Wenn ein passender Impfstoff aber gefunden ist, hat das Virus längst mutiert, und gegen den erneuerten Erreger wird ein andersartiger Impfstoff benötigt.

Und so fort.

Der Körper muss es selber machen. Er kann das. Wenn er den viralen Ansturm bewältigt hat, das erste, das zweite, das dritte Mal, dann mag er hoffen, immun zu sein. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie hat die Maske abgelegt.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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