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einhorn insel der seligen

Pusteblumen


Die Sonne verzehrt sich selbst. Sie taucht ein in ein Meer von runden Körpern. Eine Stichflamme. Feuerlicht schluckt das Weiß, das auflodert und brennt, bis es rasch in sich zusammenfällt und erlischt.

Nacht deckt alles zu. Der Tag hat sich in einem Inferno verabschiedet. Keine Asche bleibt, sondern ein inneres Bild, wenn außer dir nur mehr Dunkel ist, wenn du blind geworden bist und allein dem Tastsinn vertrauen müsstest, wolltest du dich bewegen.

Wie ein Maulwurf.

Aber du bist kein Meister der Unterwelt wie er. Du willst in deinem bisschen Leben dich nicht bloß tastend voranwühlen. Sehnsüchtig erwartest du den neuen Tag.

Den Pusteblumen ist auch der Nachtwind willkommen. Jedes Ziel ist den Samen recht. Keine Entscheidung müssen sie treffen oder gar verantworten, ob sie sich hier niederlassen oder dort. Wer verloren geht, ist zu verschmerzen. So viele sind sie. Und von so zäher Vitalität. Neben jedem Pflasterstein finden sie eine Lücke, lassen sich nieder, treiben aus.

Eine Pflanze, die ihr Aussehen extrem verändert: vom strahlenden Gelb des Blütenkörbchens zum schillernden Weiß der Kugel. Ein Wesen, das weiß, wohin mit sich.

Dir ist der Wind Antrieb oder Widerstand, Erfrischung oder Kälteschauer. Mit deinem Fortbestehen, mit deinem Erbe haben Tausende anderer Dinge zu tun, die du niemals überblicken wirst.

Mit dem Löwenzahn würdest du nicht tauschen.

Du suchst deine Freiheit ein Leben lang, kämpfst um sie, verlierst sie wieder - die kleine Blume hat sie nicht nötig. In sich gekehrt schweigt sie, wenn einer deiner Philosophen dir ins Gesicht sagt:

Kein positives Werk kann die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist die Furie des Verschwindens.

Seltsame Gedanken im letzten Licht der Sonne, das dir wie eine Brandfackel erschien.

Oder wie die Landung eines Raumschiffs, nicht vom Mars, sondern von einem fernen Planeten aus den Tiefen unserer Galaxie, auf der Flucht vor einem Schwarzen Loch. Die weißen Kugeln wären kleine Raumkapseln, die sich nach Zufallsprinzip über der Landestelle verteilten, während das Raumschiff selbst bei seiner Landung eine Spur der Verwüstung hinterließe wie ein Meteor…

Die Kugeln würden ausschwärmen um die Natur der neu entdeckten Welt zu erforschen. In der Nacht blieben sie hell von eigener Energie.

Mensch und Tier würden erschrecken und sich verstecken.

Und besäßen gern einen Bau wie Gevatter Maulwurf.


(Foto: G. Rothfelder)