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einhorn insel der seligen

Der Mann von gestern


In der Tat: Da hastet ein Mann von gestern oder vorgestern durchs grüne Gras, einer in Mantel und Hut, der eine weiße Fahne in den Wind hält und seinen Koffer verloren hat. Er rennt, es gibt kein Halten. Haken schlagen wie ein Hase, das würde er gern, das kann er nicht. Seine Sprünge sind flach, er wird an jedem Hindernis stolpern und stürzen. Der Erdkugel will er sich nähern, die durchs All trudelt und gerade um eine Ecke biegt, womöglich gleich in einem Wurmloch verschwunden ist. Es ist ein Mann wie aus einem alten Sherlock Holmes – Krimi, als man Verbrecher jagte nur mit seinem Grips und höchstens einem Colt, den man dauernd neu laden musste.

Weiß bedeutet: Kapitulation. Wegwerfen des Koffers meint dasselbe. Im Koffer mag Sprengstoff sein. Hängt der Koffer etwa an einem Luftballon, der ihn über die feindlichen Reihen ins Herz des Gegners führen soll? Doch ein Gegner ist nicht zu sehen. Aber wir sind uns einig, dass es auf der Erdkugel unendlich viele potentielle Feinde eines Mannes mit Hut und Mantel und Koffer geben kann. Die Gegenwart ist immer Feind der Vergangenheit. Von der Zukunft ganz zu schweigen. Und der Mann, wie gesagt, ist mindestens von gestern.

Mit seinem Koffer hat der Mann kein Glück. In der dünnen Kordel, die Luftballon und Koffer verbindet, hat sich ein großer Vogel verfangen, so schlimm, dass er abstürzen wird. Federn hat er bereits gelassen. Die Kordel wird reißen, und der Koffer, wenn er am Boden aufschlägt, wird sich öffnen oder aufplatzen. Dann wird man sehen, was drin ist.

Wenn es stimmt, dass der rote Luftballon den Koffer zu einem bestimmten Ziel transportieren sollte, dann dürfte dessen Inhalt so gut wie nichts wiegen. Globuli könnte man sich vorstellen, eine Art chemische Waffe? Der Ballon, wenn er ziemlich weit entfernt wäre und also nur besonders klein erschiene, könnte zur Not den leeren Koffer transportieren. Aber wozu? Bedeutet denn ein leerer Koffer irgendetwas? Ja, wenn er ein Zeichen wäre, Teil eines Geheimcodes, der einen Schlachtplan vermittelte …?

Geben wir Entwarnung. Alles Hirngespinste.

Wir sind im Katzenland. Weder Mann noch Fahne noch Koffer bedeuten etwas. Nur den Vögeln gilt das Miezen-Interesse – dem hoch schwebenden und dem elend abstürzenden. Auch der Mann erhebt sein Auge himmelwärts. Doch ein Mann ist keine Katze. Katzen kennen kein Problem mit Vergangenheit und Zukunft. Sie würden höhnisch maunzen, käme man ihnen mit Wurmlöchern. Den asiatischen und australischen Katzen weinen sie keine Träne nach. Sie haben ja sich.

Wie wird es dem Mann ergehen?

Bald wird er ins grüne Gras beißen.

Seine papierene Welt wird heftig wackeln, wenn die CRS das Haus stürmen, durchaus unter Lebensgefahr, und die unschädlich gemachten Hausbesetzer an den Haaren, bestenfalls an den Krägen heraus schleifen unter großem Geschrei und wüsten Beschimpfungen. Sie kommen alle aufs Revier zur erkennungsdienstlichen Erfassung. Einige, denen man auf den Kopf zusagt, sie seien die Rädelsführer gewesen, wandern in den Knast, zumindest vorläufig - aber absehbar lange.

Dann rückt das Abrisskommando an.

Die Opposition im Stadtrat wird protestieren: es seien auch schwangere Frauen und halbe Kinder in Gewahrsam gewandert. So brutale Gewalt sei nicht angebracht gewesen.

In diesem Moment gibt es schon kein Katzenland mehr und keinen Vogelflug. Und an den unglücklichen Mann mit der weißen Fahne und dem verlorenen Koffer wird sich niemand mehr erinnern.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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