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einhorn insel der seligen

Die Gabe


Eine Schale, ein Ei. Sonst nichts dabei.

Doch. Eine Form von Schrift. Eine Mitteilung wie aus anderer, ferner Zeit. Eine Botschaft, nicht zu entziffern. Nicht von mir.

Striche sind es, Haken, Winkel und Zwischenräume, die sich verengen oder weiten. Wenige schriftlose Einsprengsel.

Ein Labyrinth, geschlossen. Es bedeckt die gesamte Oberfläche des Eis. In sich umschließt es etwas Großes, Offenes, eine Lichtung, und spart in seinem Innern mehrere winzige Kreise aus. Wie wachsame Augen. Einzelne Striche haben sich hineingewagt und scheinen der allgemeinen Ordnung verloren. Durch manche Schneisen ziehen sich quer zu den Zeichenreihen Striche wie ausgespannte Flügel. Wie Vogelzug?

An einer Stelle verbindet sich das Hakenmuster mit einem winzigen Oval zu einer Figur. Wie jene unbekannten Figuren, aus denen sich die Hieroglyphen oder die chinesische Schrift entwickelt haben.

Wer darin nichts erkennt, wird sich, muss sich in Demut üben. Da es eine Gabe ist, wird das Verlangen, ihr nahe und näher zu kommen, deswegen nicht verschwinden. Dass König Zufall herrsche, mag ich nicht glauben.

Fragen ist unmöglich, Träumen allzu flüchtig.

Wie kann dieses Werk entstanden sein? Fein war der Pinsel, sicher die Hand und unermüdlich der Elan. Stark muss der Wille gewesen sein, sich auf einen solchen Mikrokosmos einzulassen.

Die vordergründige Gabe liegt unsichtbar im Innern. Die eigentliche Gabe ist der Zerstörung geweiht. Meist ist es anders.

Über die Zerstörung hinweg hilft nur die Erinnerung. Und der Stolz eines Beschenkten mündet dann in bleibenden Dank.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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