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einhorn insel der seligen

Ein Herz und keine Seele


Zwei Hände, zehn Finger, romanhaft rosa, formen ein Herz, schweinchenfarbenes Glück. Mitten im Formlosen ein Lichtblick. Oder?

Das Herz selbst ist schwarz. Die beiden Zeigefinger lassen nämlich eine kleine Lücke, durch die die Nacht eindringt. Das Herz ist aus dem Stoff der Nacht, eine Ausstülpung von schwarzer Materie. Die Nacht ist auf einmal Herz geworden.

So hat es der Sprayer wohl gewollt. Noch Fragen?

Sind es zwei Hände derselben Person, die das Herz erschaffen? Es sind abgetrennte Hände, jedenfalls. Sie haben sich selbständig gemacht und zusammengefunden, Zufall nicht ausgeschlossen. Aber eben stoßen sie sich wieder voneinander ab. Die Daumen mühen sich damit ab, die Zeigefinger haben sich schon gelöst, sind auf neuem Kurs, der Rest der Finger gibt, hochaufgerichtet, ein Signal aus dem Flaggen- oder Winkeralphabet..

War es das, was der Sprayer im Sinn hatte? Schauen wir noch einmal hin!

Sind hier nicht vielmehr zwei federgeschmückte Schamanen zugange, die Nasenreiben und Zungenkuss praktizieren? Abstoßende Vereinigungen wie viele dieser Rituale, die Menschen brauchen, um einen Trancezustand zu erreichen, in dem Schwarz wieder zu Schwarz kommt.

Bitte nun einmal die Augen schließen und sie nach kurzer Zeit wieder öffnen!

Jetzt bearbeiten sich zwei Individuen mit Schnabel und Kamm, zwei Gockel, die gegeneinander anspringen, zwei Politiker, die sich die Machtfrage mit Sporenhieben stellen. Der rücksichtslosere wird gewinnen. Wir sind zurück in unserer Welt der permanenten Hahnenkämpfe.

Der Sprayer hat nichts als ein paar Kurven auf die Wand geworfen, zwei Formen mit Auswüchsen entstehen lassen, nicht freihändig natürlich. Eine Schablone hat die Symmetrie garantiert.

Die Schablone garantiert die Symmetrie. Die hohlen Formen politischer Rede erzeugen ein scheinbares, ein falsches Herz, das sofort zurückkehrt ins Nichts, wenn die Formen abfallen.

Überschätzen wir den Sprayer? Oder haben wir ihn gar unterschätzt?

Nach einem langen Blinzeln taucht er plötzlich auf, steht er leibhaftig vor uns. Wir müssen nur genau hinsehen.

Was wir für zwei Vogelschisse gehalten haben, verwandelt sich in ein Augenpaar. Und aus helleren Stellen im Schwarz arbeitet unsere Imagination ein Gesicht heraus. Über den Schädel quillt üppiger Haarwuchs, Nase, Mund und Kinn gehen in die Breite, es ist eher ein Hundegesicht, Typ Bernhardiner. Ein Kerl, dem man nicht im Dunkel begegnen möchte. Und der doch in unserem Kopf eine Gemengelage sich widersprechen Phantasien und Phantastereien erzeugen kann.

Wenn wir es zulassen. Ansonsten sagt dieses Zeichen wie alle Wandmalereien seiner Art: Hallo, ich bin hier, und nicht nur das: Ich war schon hier, lange bevor du mich wahrgenommen hast.

Kapiert?

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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