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einhorn insel der seligen

Ende eines Traums


Mein Traum war es nicht.

Ich habe diese Lampe aufgehoben, um nicht zu vergessen. Ich habe sie geerbt, hatte keinen Platz für sie, hängte sie schließlich in ein sozusagen zufällig entdecktes, noch freies Dübelloch in der Decke, schloss sie nicht an. Sie hing einfach da, funktionslos, in einem Winkel der Wohnung, wo sie nicht störte, aber trotzdem jederzeit sichtbar blieb, wenn mein Blick darauf fallen wollte.

Meine Mutter erzählte gerne, wie sie diese Lampe sich absparte vom Haushaltsgeld, das sie von meinem Vater monatlich erhielt und verwaltete. Diese Verwaltung wurde sorgfältig in einem dicken Heft dokumentiert. Zur Kontrolle. Aber mein Vater kontrollierte nie. Er vertraute ihr, und außerdem konnte man ja miteinander reden, wenn es ein Geldproblem gab oder eine Unsicherheit entstanden war, wofür das Geld ausgegeben werden sollte.


(Im Übrigen redete man nur selten über Geld, aber man redete gerne. Wie hätte man sich sonst unterhalten? Es gab kein Fernsehen, kein Kino war in der Nähe. Man besaß kein Auto. Statt abends auszugehen war ein Spaziergang angesagt. Man hatte ja ein Kind, war eine Familie … )


Wir wohnten in der Vorstadt. Meine Mutter hatte diese Lampe in einem Geschäft der Nachbar-Vorstadt entdeckt, aber sie ging nicht einfach in den Laden und kaufte sie. Denn die Lampe war teuer, sie passte nicht ins monatliche Budget. Aber sie war etwas Besonderes, und meine Mutter wurde von ihr magisch angezogen. Sie wagte es nicht, meinem Vater sofort davon zu erzählen. Sie besuchte die Lampe, so oft sie konnte. Es waren vielleicht vierzig Minuten Weg von unserer Wohnung zum Geschäft. Zu Fuß.

Bis sie schließlich doch meinem Vater ihren Wunsch eröffnete, einen Wunsch, der fast eine Sehnsucht war.

Mein Vater liebte es zwar nicht zu rechnen, aber er konnte es, war unschlagbar im Kopfrechnen. Er überschlug die Chose und gab grünes Licht. Halt ein paar Monate sparen, kein Problem, diese oder jene Ausgabe musste bestimmt nicht unbedingt sein!

Meine Mutter nickte, glücklich. Sie hatte das Geld bereits diskret und umsichtig eingespart. Seit ein paar Monaten. Wir hatten nichts davon bemerkt. Es hatte uns an nichts gefehlt.


(Heute zahlst du mit Kreditkarte (damals unbekannt) oder machst einfach Schulden. In manchen Wirtshäusern konnte man seinerzeit noch anschreiben lassen)


Schulden zu machen wäre niemals in Frage gekommen.

So ging der Traum meiner Mutter in Erfüllung. In unsere vier Wände hatte etwas Einmaliges Einzug gehalten. Erst viel später kamen die Waschmaschine, der Dampfkochtopf, das Auto und der Fernseher.

Mir hat immer die Farbe gefallen, dieses Grün-Türkis zu Weiß. Viel mehr aber noch die Erinnerung an den kleinen, den großen Stolz meiner Mutter, sich diesen Wunsch erfüllt zu haben. Als sie starb, wie hätte ich das gute Stück wegwerfen können? Ich hätte es weggegeben. Aber wem hätte es gefallen können?

Jetzt ist die Lampe abgestürzt, Teile sind zerbrochen.

Geblieben ist ein Foto.