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einhorn insel der seligen

Paar und Schrat


Hübsch ist er nicht gerade. Als er schwankend aus dem Gebüsch tritt, sind wir schon getürmt. Das ist nicht irgendeine Vogelscheuche, das ist kein Spaß. Hast du das Maul gesehen? Du würdest locker durchpassen. Mit Haut und Haar stecktest du drin, zucktest, strampeltest noch mit den Beinen. Dein Handy hätte er ausgespuckt. Er würde dich langsam hinunterwürgen und dich tagelang verdauen wie eine Pythonschlange.

Du bist stehen geblieben. Du bist verdammt neugierig. Ich werde mich da eher zurückhalten, Junge.

Möglich, dass wir uns täuschen in ihm. Er ballt zwar die Fäuste, dass es schmatzt, und die Glotzaugen wachsen ihm förmlich aus dem Kopf, aber wenn man sich ihn genauer besieht, ist der Kerl eher hochgradig adipös als Sumo-haft athletisch, und seine Arme sind wie Streichhölzer. Könnte er dich mit solch dürren Werkzeugen in sich hineinstopfen? Könnte er uns wirklich etwas anhaben?

(Bestimmt würde er sich zuerst auf dich stürzen, währenddessen könnte ich verduften. Helfen könnte ich dir sowieso nicht, mein Geliebter!)

Jetzt fängt er an zu schreien. Nein, er spricht. Er holt seltsame Lautgebilde aus dem Rachen. Außerdem stottert er. Wir sind diesen Resonanzraum nicht gewöhnt. Er will dir etwas mitteilen, dir, ja, doch du kapierst nichts. Tant pis. An der Gestik lässt sich nichts ablesen, sie findet nicht statt. Lächeln, Junge, wäre dringend angebracht, Handbewegungen, die beschwichtigen, die beruhigen.

Er schweigt wieder und wuchtet sich noch näher heran. Wird er zutraulich oder eher zudringlich? Ich glaub, ich gefalle ihm. Äuglein und Maul zeigen in meine Richtung. An seinem Gang muss er noch arbeiten. Es sieht aus, als hätte er zahlreiche kleine Füßchen wie die Pantoffeltierchen. Könnte gestutztes Wurzelwerk sein. Es quietscht ein bisschen, aber das ist ihm nicht peinlich, sicher hört er es gar nicht.

Oben auf seinem Kopf sitzt eine Art Schopf, eine Tolle wie bei Struppis Tim. Das macht seine Birne noch wuchtiger, als sie ohnehin schon ist und gibt ihm etwas von Rodins Balzac. Aus seiner inneren Höhle grummelt etwas heraus. Fast scheint es, als knurrte ihm der Magen. Halt ihm doch mal deine Leberkässemmel hin! Aber pass auf deine Hand auf! Wirf ihm die Semmel in den Schlund, bevor das Maul zuschnappt! Oder, noch besser: erst den Leberkäs, dann die Semmel.

(Nix war’s. Die Hand ging mit, und an der Hand hing ja der ganze Kerl, mein Julius Franz Eberhart. Das Monster machte in unerwarteter Geschwindigkeit und Leichtigkeit kehrt, wies mir die Ruten, die ich anfangs gar nicht bemerkt hatte, und ließ sie drohend schnalzen. Schleppte den Julius Franz Eberhart mir nichts dir nichts hinter sich her ins raschelnde Gebüsch!)

(Das hermetisch sich schloss hinter Mann und Schrat – und allzu teuer war guter Rat!)

(Von beiden hab ich nie wieder vernommen. Ich meine fast, es musste so kommen!)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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