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einhorn insel der seligen

Anfang und Ende


Licht. Ein überwältigender Strom von Licht. Stärker als die die Sonne, du wirst blind, wenn du dich darauf fokussierst.

Ein Strahl, dünn, zitternd, fiebrig. Wird er dich treffen? Wirst du ihn berühren?

Die Ränder der Öffnung, sich auf und nieder krümmend, sich windend in der unerbittlichen Helle, immer wieder überwältig von massiver Schwärze.

Kampfzone.

Wie das Licht wirkt nach allen Seiten, wie es pulsiert, die schwarzen Massen spaltet und gliedert in Teile, in Stückwerk. Wie sich Schwarz aufbrechen lässt zu Grau.

Und Grau zerfließt zu Lachen und kleinen Seen. Aber die Verwandlung setzt sich nicht fort. Grau bleibt stets nah bei Schwarz, will wieder zurück zu Schwarz, will wieder ganz sein.

Du?

Du bist verstummt. Der Drang, hinter die Dinge zu blicken, ist verschwunden.

Hinter diesem Licht ist nichts anderes als immer wieder Licht. Ein Universum von Licht.

Früher lebten wir in Höhlen, warteten nachtlang auf die erste Helle vom Eingang her. Das Leben begann mit dem Tag. Und jeder Tag endete im Nichts erneuter Nacht, in das sich graue Träume verirrten.

Heute sind diese Höhlen kunstreich gebaut aus dunkler Materie. Von uns selbst. Aus Worten, die ständig gesagt werden, aus Gedanken, die tausendmal gedacht sind.

Aber zugleich entdecken wir Risse und Spalten in uns, wo Grau aus Schwarz wächst, wo dünne und dünnste Lichtfäden sich schlängeln. Ihnen folgen unsere Blicke, bis hin zu dem einen Ort, der Öffnung, hinter der wir ein anderes Leben vermuten. Aber der Elan stockt, oft weit vor dem Ziel.

Wir haben Angst anzukommen.

Wir haben im Dunkel gelebt – würden wir die Helle ertragen?

Blenden würde sie uns. Verbrennen vielleicht.

Die Vorwitzigen werden bestraft. Das sei ein Gesetz, hat man uns gesagt. Eine Öffnung sei keine Offenbarung. Und wir Höhlenbewohner seien dazu bestimmt, es auf unsere Weise noch weit zu bringen.

Einst muss es so begonnen haben mit uns, mit allen. Aus dem Dunkel hinaus ins Helle, allseits Helle, und unsere Augen noch weit entfernt davon, sich daran zu gewöhnen.

Da haben wir geschrien mit all unserer bescheidenen Kraft.


Es hat sich Bahn gebrochen, das Licht. In die Finsternis eingedrungen, hat es die Ränder überflutet. Das Grau ist auf dem Rückzug. Konturen springen in den Blick, natürliche und künstliche. Es ist besiedeltes Terrain, doch menschenleer. Wenn diese vor dem überirdischen Lichtkreis geflohen sein sollten, so ist das noch nicht lange her. Und sie werden nicht weit kommen. Der Lichtstrom wird sie früher oder später einholen und ihre Fluchtwege und Verstecke ausfindig machen.

Vielleicht sind sie aber gar nicht geflohen, sondern hocken in ihren Wohnhöhlen voller Angst und Erwartung. Das sind Gefühle, die sich nicht immer klar trennen lassen, sondern sich oft überlagern und vermischen. Das Neue, das nie Gesehene, das Unbekannte, das niemand einschätzen kann, besetzt alle Gedanken, doch diese enden rasch in Sackgassen. Dann stürmen die Gefühle herein und geraten aneinander. Oder sie zerfließen in Melancholie.

Die einen erinnern sich an ihre Kindergebete, probieren im Kopf, daran wieder anzuknüpfen, scheitern. Andere können den Blick nicht abwenden von dem kosmischen Ereignis. Mit jedem verstohlenen Blick auf die Erscheinung wächst ihre Neugier. Irgendwann werden sie frech genug sein, den Schutz der Höhle zu verlassen. Die Gewissheit, von den Zurückgebliebenen bewundert zu werden, kann stärker sein als alle Bedenken.

Inzwischen gibt es eine zweite Einbruchsstelle des Lichts, von der dünne Strahlen ausgehen, die wie Suchscheinwerfer die Umgebung erkunden. Wird das Schwarz auch dort zu Grau werden und sich langsam verdrängen lassen?

Die Trennung von Licht und Finsternis wurde seit jeher an die Zuständigkeit höherer Wesen verwiesen. In den menschlichen Hirnen blieb als eine Art Abglanz der Gegensatz von Gut und Böse fest verankert. Für das Böse konnte das Licht schwerlich stehen. Im Gegenteil, man lebte in der Finsternis oder hatte darin gelebt, und damit war es nun vielleicht vorbei.

Ob solche Verwandlungen Halt machten vor einem selbst? Sich als Lichtwesen zu denken, ohne Körper und ohne Schatten, war nicht vorstellbar. Wenn man Geister einer anderen Welt in phantastischen Geschichten darstellen wollte, stattete man sie häufig mit Flügeln aus, schöner als die der Vögel, der Fledermäuse, der Insekten oder der Saurier. War doch allein der Luftraum, die dritte Dimension, den Menschen stets unerreichbar gewesen und begehrlich hatte sich der Blick auf jene Flugwesen gerichtet. Die Raumfahrt hatte später entdeckt, dass im Weltraum Flügel zu nichts nutze seien – wegen der Schwerelosigkeit – doch engelhafte Gestalten schwirrten weiter durch überirdische Räume, die alten Bilder waren so schnell nicht auszurotten.

Wird das einströmende Licht alles überschwemmen?

Werden mit ihm auch die Schatten wachsen?


(Fotos: G.B.)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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