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einhorn insel der seligen

Kinderengel


Wir wissen nicht, wie Engel wirklich aussehen. Werden wir es jemals wissen?

Wer einen Engel bastelt, der weiß es, das steht fest.

Wenn so ein Geschöpf den weiten Weg vom Himmel hernieder zu uns genommen hat und endlich angekommen ist, kann es sich nicht einfach in eine Ecke lehnen oder auf den Boden hocken. Die Flügel wären ihm lästig. Nein, es muss auf ein Podest, das rasch zusammengeklebt ist. Es darf aus Papier oder Pappe sein: Engel sind leicht. Federleicht, parole d‘honneur.

Zusätzlich verlangt das himmlische Wesen noch etwas anderes: es will balancieren. Das versteht jedes Kind. Wenn man sein Leben in der Schwebe verbringt, brauchen die Füße ein wenig Spiel. Eine alte Plätzchenschachtel aus dünnem Blech, die tut’s.

Engel verfügen selten über die großen, majestätischen Schwingen, wie sie auf vielen Gemälden oder an Statuen in Kirchen zu sehen sind. Weil sie, wie gesagt, so leicht sind, genügen ihn kleine Schwirrflügel. Anders als bei Vögeln, zum Beispiel, werden diese Flügel ja nicht von Muskeln bewegt. Die Flügel sind nichts als Zutat, Schmuck, Erkennungsmerkmal, wenn man so will, und der Engelsflug wird ferngesteuert. Ursprünglich vom LiebenGott, nach der peinlichen Affäre mit Satan von den Erzengeln und später durch in die Seligkeit entrückte Ingenieure, gewesene irdische Spitzenkräfte, die sich abwechseln.

Engel brauchen also für ihre Reisen keine Kraft. Da können sie leicht lächeln in alle Ewigkeit! Unserer grinst übers ganze Gesicht. Wegen des Sekts? Ob das noch im Rahmen der contenance liegt?

Ob Engel wirklich Sekt trinken, weiß ich nicht. Aber der Drahtverschluss einer Sektflasche schmückt den Kopf unseres Besuchers, und dieser hat sich genau so platziert, dass man, seinen Schatten betrachtend, sofort an einen Heiligenschein denkt.

Dieses Attribut der Heiligen tragen Engel nur zu besonderen Gelegenheiten. In diesem Fall meine ich fast, es sei der Spieltrieb am Werk. Noch bevor der Besucher das Wort an uns richtet, signalisiert er, dass er nichts Schlimmes zu sagen hat.

Dazu passt die Fingersprache, die Engel noch besser beherrschen als indische Tänzerinnen. Es ist der Zeigefinger, der unsere Aufmerksamkeit einfordert, nicht der Stinkefinger. Dieser ist in sich selbst gekrümmt, wobei sich ihm der vierte Finger anschließt.

Nicht zur Nachahmung empfohlen! Was Engel können, können nur Engel.


Wir können sie immerhin basteln.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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