Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Goldjunge


Der Bub weist uns sein Geschlecht. Ist das billig und recht?

Dazu muss gesagt werden, dass ihn nicht jeder, der dieses Gotteshaus betritt, sofort erblicken wird. Es pflegt Diskretion und mutet diesen Knaben nicht jedermann zu.

Außer Gold hat er nichts an. Doch das wird zu seiner Entdeckung durch den Kirchenbesucher kaum etwas beitragen. Denn an Gold wurde im gesamten Kirchenraum nicht gespart.

Der Bub ist kein Engel. Er hat zwar Flügel, doch die scheinen eher einem Insekt, vielleicht einem Käfer, zu gehören. Dennoch: In Anbetracht der Art und Weise, wie er auf jenem Sims balanciert, scheinen die Gesetze der Schwerkraft für ihn nicht zu gelten.

(Auch Satan war, obwohl ursprünglich Mitglied bei den Engeln, nicht ordentlich geflügelt - und fiel)

Der Junge gefällt sich in der Positur eines Bogenschützen. Ja, natürlich! Es muss sich um Amor handeln. Aber wo ist der Bogen geblieben, wo die federnde Sehne? Was er in der linken Hand hält, könnte auch ein Milchkännchen sein. Sahne statt Sehne? Er schwebt so verdammt weit oben, und kein Vergrößerungsglas ist zur Hand.

Mit so einer Mütze hat man Amor noch nie gesehen. Warum verbirgt er seine kindliche, wild sprießende Lockenpracht unter diesem deckelähnlichen Kopfputz?

Auch die Beinkleidung gibt Rätsel auf. Um die linke Wade ist unterhalb des Knies ein Tuch geschlungen (oder ist es der Rest eines zerrissenen Strumpfes?), während den rechten Unterschenkel ein kompletter Stiefel bekleidet. Solche Nachlässigkeit ist man bei Engeln nicht gewohnt. Und warum sollte Amor schwere Stiefel tragen?

Wenn der Bub einen Bogenschützen imitiert, kommt es nicht gut, dass er nicht in Richtung seines Ziels schaut. Im Gegenteil, er wendet den Blick ab und erinnert an abergläubische Fußballtrainer, die sich wegdrehen, wenn ihrer Mannschaft ein Elfmeter zugesprochen wurde und sie ein eventuelles Versagen des Schützen nicht gesehen haben wollen.

Oder der Schütze vertraut darauf, auch blind zu treffen ...

Der Gesichtsausdruck des Jungen scheint eher zweifelnd, keinesfalls fröhlich. Amor grinst, lange bevor er seine Pfeile loslässt, in Vorfreude auf die Verwirrungen, die er angerichtet haben wird. Und Engel zweifeln nicht. Denn Satan hat gezweifelt – und stürzte.

Wir müssen uns also mit der Möglichkeit vertraut machen, dass dieser Kerl uns tatsächlich vor allem sein Geschlecht zeigt. Vielleicht um uns in Erinnerung zu rufen, wie schwer es wiegt und was es anrichtet, im Guten wie im Bösen. Besser gesagt, was wir damit anrichten. Wie der Herr Ringsgwandl singt: S’is halt allerweil schlecht – mit’m Geschlecht!


(Foto: I. Rieger)