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einhorn insel der seligen

Winkel


Wärme suchen hinter schützenden Mauern, Geborgenheit finden in einem Eckchen der Welt. Ein Ofen ist da. Heizmaterial liegt bereit. Hier ist es kalt, sogar im Sommer.

Rillen und Spalten durchziehen den Boden, Ameisenstraßen, Hohlwege für Käfer und Tausendfüßler. Hinter den Holzleisten versteckt sich so manches Mauseloch. In der Kirche finden alle Kreaturen Platz.

In jeder Kirche gibt es eine Treppe, die nach oben führt, gedacht bis in den Himmel. Vom Zwischenstock der Kanzel aus predigen die Berufenen und Wohlbestallten, ihre Worte, Lob und Tadel, sinken herunter auf die Mühseligen und Beladenen.

Der Mesner heizt ein. Anders als in der Hölle sind alle froh darüber. Niemanden stört es, dass die meiste warme Luft aufsteigt zum Pfarrer in seiner Kanzel, während die in den Kirchenbänken dankbar sich mit dem Rest begnügen.

Früher waren die Menschen Höhlenbewohner und drängten sich um ein offenes Feuer. So sehr litten sie unter der Kälte des Nordens und so dankbar waren sie - wie heute die Kirchgänger - für ein wenig Wärme.

Während der Predigt dürfen die Ministranten nahe am Ofen stehen. Beim Heizen helfen sie. Sie haben den Pfarrer eskortiert auf seinem Marsch zur Kanzel und geleiten ebenso seine Rückkehr zum Altartisch. Dann wärmt sie nur mehr das Schwingen der Weihrauchfässer.

Oft ist die aufsteigende Wärme Inspiration, wird Teil der Predigt. Oben im Himmel sei man nahe der Sonne, Licht gleiße allüberall, die Heiligenscheine leuchteten, alle trügen leichte, wallende Gewänder, Toga und Tunika, nackte Englein tollten herum. Der Paradiesgarten sei noch da, er lade die Seligen ein zum Flanieren zwischen zeitlos blühenden Pflanzen, zwischen all den Tieren, die weder gierig sich auffräßen noch geschmacklos einander begatteten.

Dagegen die Schrecken der Hölle: sengende Hitze statt Wärme, Dürre und Ödnis statt blühender Landschaften, verlorene Seelen schmachtend im Verlies! Der Mesner, der stets nahe der Glut des Ofens kniet oder sich zu ihr hinunterbückt, könnte sich manchmal betroffen fühlen.

Die Frauen auf der Frauenseite, nahe der Kanzel, schaudert es, wenn der Pfarrer in Fahrt gerät. Auf der Männerseite ist nur an hohen Festtagen etwas los, wenn sich die Großfamilie versammelt und ihre Mitglieder übereinander wachen. Sonst stehen die Männer vor der Kirche, rauchen und machen Dorfpolitik. Vorschnell sitzen einige bereits im Wirtshaus.

Später werden sich auch Mesner und Pfarrer dazu gesellen. Letzterer wird die Messflüchtigen mit tadelnden Blicken bedenken. Mit sehr geringem Erfolg.

Das Gotteshaus ist dann für eine Woche geschlossen. Zur Freude der dort verbliebenen Kreaturen. Oder für Liebespaare. Die Ministranten wissen, wo der Schlüssel zu finden ist.

Aber bitte Schlafsack mitbringen! Heizen fiele auf, denn Rauch träte aus.