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einhorn insel der seligen

Saint Mathieu


Hier betet keiner mehr.

In der Nähe wartet eine Frittenbude oder ein Kiosk mit Batterien, Süßigkeiten und Getränken; bestenfalls ein Bistro. Dazu ein Plan der Ruine für die Liebhaber der Geschichte, die Namen benötigen und Zahlen.

Der Blick kann das ignorieren. Er überspringt die Sonnenbuchten im Schattenland, durchquert ohne Aufenthalt Spitzbogen und Rundbogen. Er weiß: dahinter beginnt das Meer. Er kann es nicht sehen, denn das alte Gemäuer besetzt eine Steilküste.

Man hat diese Ruine – als sie noch keine war – von allen vorbeiziehenden Schiffen aus betrachten können, sie war nicht zu übersehen. Auch nicht in Sturm und Seenot. Man passierte eine Wegmarke. Ein Kloster wie ein Leuchtturm.

Doch hier stand man für andere Dinge ein.

Menschen schlossen sich in diese Mauern für immer ein auf der Flucht vor anderen Menschen oder aus Ekel über deren Lebensweise. Vielleicht auch aus Sehnsucht nach Ruhe, nach Halt, nach einer Ordnung.

Die Säulen stehen noch, die Bögen bilden eine regelmäßige Struktur. Die Schatten wandern mit dem Sonnenstand im Rhythmus der Stunden.

Es wurde viel gebetet. Was einer auswendig gelernt hat und zu bestimmten Zeiten aufsagt, stärkt seine innere Ordnung. Er wendet dich dabei an eine abwesende Person. Sie kann ihn nicht verwirren, wie es Menschen tun.

Gebetet wurde im Chor. Auch eine kleine, schwache Stimme ging darin auf und erfüllte ihre Bestimmung.

Die Besucher von heute haben das Beten verlernt. An wen sollten sie ihr Gebet richten? Der Glaube an das Unsichtbare ist ihnen abhanden gekommen. Das Sichtbare hat alle Wünsche aufgesogen. Das Materielle gibt ihnen Halt. Die Technik sichert ihre Zukunft. Mehr brauchen sie nicht. Mehr begehren sie nicht.

Ruinen erinnern viele an Jahrhunderte, die dunkel waren, denn niemand wusste etwas von Elektrizität. In dieser Halle gab es im Winter keine Heizung, die Kutten wärmten kaum. Gegen Ungeziefer war guter Rat teuer. Hygiene war unbekannt. Krankheiten töteten rasch. Alle Wege wurden zu Fuß bewältigt.

Kopfschüttelnd wandert man durch die Gebäude. Wie konnten sie leben, damals, unter solchen Bedingungen?

Am Gebet kann es doch nicht gelegen haben?

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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