Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Indoor dreams


Definitiv drinnen. Eingesperrt. Kaum Licht, es dringt durch wenige Ritzen und die breite Spalte unter der Tür. Würde man sich gegen den Boden drücken, wäre es möglich, mit einem Auge nach draußen zu sehen. Wie dieses blau skizzierte Profil. Aber wer sollte das wollen? Es würde die Tür nicht öffnen.

Hier sollte jemand sozusagen herbeigezaubert werden, Mund-Nase-Auge, Kinn und Stirn in einem einzigen Schwung. Es muss kniend geschehen sein und ging plötzlich nicht mehr weiter.

Zwanghaft stelle ich es mir vor:

Entweder die Farbkreide brach ab, rollte weg, war im Dunkel nicht mehr auffindbar, die Kraft zur Suche fehlte. Die gefangene Person tastete sich weiter hinein in den Raum, doch der schien endlos. Wie eine Katakombe. Schließlich blieb sie liegen und wartete auf Hilfe, die nicht kam.

Der Gedanke macht mir Angst. Ich will mir nicht einreden, dass der Raum so groß ist, eine Röhre, ein Tunnel, der in einem Schacht endet. Ich will mir nicht vorsagen, dass dort im Dunkel jemand liegt – und vielleicht nicht einer allein.

Oder die Tür wurde aufgerissen und die eingeschlossene Person an den Haaren herausgezerrt. Als man die blaue Linie bemerkte, hagelte es Prügel. Der Raum wurde schnell wieder verschlossen. Die Kreide, die der Zeichner in der hohlen Hand versteckt hatte, wurde ihm mit Gewalt entrissen.

Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Ich erinnere mich an nichts. Muss betäubt worden sein, ohne dass ich etwas merkte. Aber warum?

Ich trug keine Wertgegenstände bei mir, keinen Ausweis, nicht einmal einen Schlüssel, der liegt außerhalb der Haustür, versteckt. Dann saß ich im Café, plauderte mit Unbekannten, sympathischen Menschen …

Blutspuren sind nicht zu erkennen. Sie könnten mit der bräunlichen Färbung des Bodens verschmolzen sein.

Ich denke, die Zeichnung zeigt eine Frau. Auf dem Boden gemalt, weil dorthin ein bisschen Licht fällt. Aber Schuhe und Stiefel können darauf herumtrampeln. Ein Bild der Erinnerung, die man festhalten wollte. Ein Bild der Sehnsucht in schwieriger (aussichtsloser?) Lage.

In welcher Lage befinde ich mich?

Ich kann peinlich befragt werden nach der Identität dieser Frau, obwohl die Zeichnung nicht von mir stammt. Das wird den Verhörenden egal sein. Sie halten sich an den Letzten, der hier verwahrt wurde. Sie werden mich auch nach der blauen Kreide durchsuchen.

Mir fällt meine Geldbörse ein. Es scheint, dass kein Geld entnommen wurde. Statt des Kleingelds finde ich eine blaue Kreide.


(Foto: Sepp Fischer, R)