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einhorn insel der seligen

Feueralarm


Wenn es brennt, wird es heiß, verdammt heiß. Da verzichtet man gerne auf überflüssige Kleidung. Nur Stiefel und Helm und ein Beil, um verschlossene Fenster und Türen einzuschlagen, das muss sein.


Mein Vater war begeistert in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten, noch bevor er volljährig wurde. Er folgte darin seinen drei älteren Brüdern.

Er wohnte im Haus seiner Eltern in der Vorstadt, in einer Stichstraße, fast an deren Ende. Wo diese in die Hauptstraße mündet, sammelte sich die Feuerwehr seiner Gruppe im Einsatzfall.

Einmal hatte er ein Traumerlebnis, von dem er oft erzählte. Wovon er träumte? Davon sprach er nie. Mädchen gab es in der Feuerwehr damals nicht.

Mitten in der Nacht schrillte die Alarmglocke und riss meinen Vater aus seinem Traum. Er sprang aus dem Bett, fuhr in die Stiefel, griff nach dem Beil und setzte noch im Laufen treppab den Helm auf (denn er wohnte oben im Haus, zog den Gürtel fest und steckte das Beil hinein. Bestimmt hat er sich bei solcher Hektik im Dunkel den Kopf angestoßen, denn der erste Stock hatte Mansarde. Doch davon hat er nichts erzählt.

Mein Vater stürzte aus dem Haus und rannte den halben Kilometer bis zum Sammelplatz. Er hatte Glück. Zwar herrschte Winter, aber es war nicht besonders kalt und auf der Straße lag kein Schnee.

An der Kreuzung rang er nach Luft. Er war der erste von den Kameraden. Das wunderte ihn, denn in seiner Straße gab es noch zwei andere junge Männer, die bei der Feuerwehr waren und einen kürzeren Weg hatten als er.

Es war kurz nach Mitternacht, und an der Kreuzung gab es ein Wirtshaus, wo man das Bier im eigenen Masskrug holte. Die letzten Gäste standen noch herum, der Wirt hatte sie wohl soeben mit Mühe hinausgeschafft. Sie redeten laut und bemerkten meinen Vater zunächst nicht. Das Licht aus dem Wirtshaus war erloschen, die nächste Straßenbeleuchtung gute hundert Meter entfernt.

Meinem Vater wurde langsam kalt. Er hatte ja keinen Alkohol im Blut. Zögernd näherte er sich der Gruppe und fragte, ob die anderen von der Feuerwehr wohl schon aufgebrochen seien.

Die Antwort war ein donnerndes Gelächter. Die späten Trinker sahen einen Feuerwehrmann mit kompletter Ausrüstung, jedoch im Schlafanzug.

Er war der einzige, der das Sirenengeheul, das zum Einsatz rief, gehört hatte, und er blieb es.


Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Aber nicht immer zu ihrem Besten.


(Foto: Maximilian Mayr, (Weggis, CH)

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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