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Elektro Huber


Elektro Huber steht auf dem Papierband, das quer über die Tür geklebt ist, als wolle man sie durchstreichen. Mit Sicherheit wollte man das Gegenteil.

Mit der umfassenden Verheißung Elektro – einem Lockbegriff, dehnbar vom kaputten Lichtschalter bis hin zu komplizierten technischen Geräten – verbindet sich ein sehr bodenständiger, häufig vorkommender deutscher Eigenname. Hinter der Tür wartete also jemand auf die Kunden, der einer von ihnen war und gleichzeitig ein weitgefasstes Spektrum von Reparaturwünschen und Kaufbedürfnissen bedienen konnte.

Diese Vorstellung passt allerdings nicht zur frechen Schräge des Papierstreifens, die fürs Auge des potentiellen Kunden ein erster Schritt weg von Ordnung und Verlässlichkeit hätte bedeuten können.

Noch weniger passen die weiteren ans Türglas gehefteten Papiere. Das größte dieser Blätter ist von der Sonne fast zur Unlesbarkeit gebleicht, ein Stückchen hat der Nagel eines bösen Buben (oder gar sein Taschenmesser) weggekratzt. Da sind wir schon bei dem Gedanken an Verwahrlosung angekommen. Und wir sind sicher: hinter dieser Tür tut sich nichts Sinnvolles (das bedeutet in unserem System: Gewinnbringendes). Und zwar schon lang. Da hätten wir die Einrahmung durch Schlingpflanzen gar nicht erwähnen müssen. Immerhin dürfen Naturliebhaber diese stimmungsvoll finden.

Stehen wir vor dem früheren Haupteingang? Die Tür ist einmal sehr schön gewesen. Jetzt wirkt sie verschrumpelt, die Verzierungen heben sich kaum mehr ab. Lang ist sie nicht bewegt worden. Hier und da zeigen sich Risse.

Hier wohnen, hier arbeiten keine Hubers mehr. Hier geschieht nichts mehr.

Die Elektrik ist sowieso tot. Es lebe die Elektronik.

Der Einzelhandel ist gleichfalls tot. Es lebe der Selbstbedienungsmarkt. Dafür waren die Räume hinter dieser Tür zu beschränkt. Und der Kunde ist ja nicht blöd. Was kann ihm ein Dorfgeschäft bieten außer – persönlichen Kontakt? Wie bitte, was soll das denn sein? Man ist doch kein Hinterwäldler. Man ist globalisiert. Was die große Welt bietet, will man sich ansehen, man möchte den – sozusagen, und warum nicht? – den Weltmarkt gemessenen Schrittes durchschreiten und durchmessen – und niemand fragt, ob man vielleicht etwas kaufen möchte, und, wenn ja, was. Und Beratung? Nun ja. Man ist ein kundiger Kunde und ausreichend motiviert und emanzipiert, um die Kaufentscheidung allein treffen zu können – oder, im Notfall, nimmt man den schlauen Schwager mit oder, besser, aber im Umgang schwieriger, den noch schlaueren Sohn, dann wird das schon was. Statt beim Nachbarn Huber anzuklopfen, unternimmt man eine Shopping-Spritztour in den nächsten oder übernächsten größeren Ort.

Der Huber würde es ja genauso machen, wenn er sich ein Möbelstück oder ein Fahrrad kaufen wollte, nicht wahr?

Hubers sind längst weggezogen. Für ihr einst stattliches Haus hat sich niemand interessiert. Es wartet geduldig auf einen Baulöwen, der es allerdings abreißen wird. Mitsamt Tür und Efeu.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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