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einhorn insel der seligen

Guter Wille, versetzt


Manchmal stößt du auf Haufen, die dort, wo sie sind, nicht hingehören. Du findest, sie sollten beseitigt werden. Und nicht nur, weil du ein Ästhet bist. In Haufen kann man treten, über Haufen kann man stolpern. Was tun?

Es müssen nicht immer Berge versetzt werden. Wer sich allzu Großes vornimmt, scheitert häufig. Aber jeder Haufen kann geteilt werden in kleine und immer kleinere Häufchen, passend zu Eimerchen und Schäufelchen, die zur Verfügung stehen. Die kleinsten Häufchen haben Platz in der hohlen Hand.

Wohin aber mit den Häufchen, damit sie keine Häufchen mehr seien, sondern sich einfügten in die Ordnung, als deren Verteidiger und Hüter du dich erklärst, wenn du Unliebsames, Hässliches, Ungesundes zum Verschwinden bringen willst?

Du kannst die Behörden zum Eingreifen ermuntern. Das ist der erste Gedanke eines wahren citoyen. Allerdings haben Behörden notorisch viel zu tun. Da kann also dauern. Aber freue dich am Ende auf ein amtliches Schreiben, das dich freundlich, aber bestimmt an eine unter- oder übergeordnete Parallel-Behörde verweist, die dafür zuständig sei.

Vielleicht hast du dieses Problem vorausgesehen und wendest dich an eine Schule. Schließlich ist das Interesse an der Aufrechterhaltung bürgerlicher Ordnung ein wichtiges Erziehungsziel. Die Lehrer werden skeptisch sein und auf die Risiken des Freigangs verweisen. Sie werden dir diese in so glühenden Farben schildern, dass du dich abwendest. Die Schüler würden sich freuen, der Schule ein paar Stunden entronnen zu sein, und die Häufchen auf ihre eigene Weise auflösen und zerstreuen. Die Lehrer haben aber das Sagen.

Was also tun? Ist das Problem vorerst nicht lösbar, versuche dich wenigstens an ihm zu amüsieren.

Stell ein Schild auf: Guter Wille versetzt Häufchen. Und warte in diskretem Abstand auf sogenannte Gutmenschen. Für alle Fälle: Kamera und Mikro in Bereitschaft!

Das Gute an Gutmenschen ist, dass man sie ungehemmt mit Spott und Häme übergießen kann. Denn in unserer konkurrenzgläubigen Gesellschaft bedeutet gut nichts anderes als dumm.

Ein Gutmensch käme womöglich auf den Gedanken, die Häufchen unter die eigene Obhut zu nehmen. Verdammt lästig! Die Nachbarn, die einen Misthaufen oder einen Schrottplatz in dem Garten neben dem ihrem nicht dulden wollen, würden rebellieren, Schimpfwörter würden hin und her fliegen, es käme am Ende zu Handgreiflichkeiten. Sie würden nicht einsehen, dass Kräuter und Unkräuter rasch die Bescherung überwuchern und sie vor ihren bestürzten Schönheits-Sinn verbergen würden.

Ebenso lustig würde es, wenn mehrere Gutmenschen angesichts des Haufens ins Diskutieren und sogar ins Streiten gerieten, wer das denn gewesen, was prinzipiell und was überhaupt zu tun sei und wer zum Teufel dieses Schild aufgestellt habe. Da würde man ja glatt verhöhnt.

Genau. Das war der Zweck der Übung. Du kannst davon am Stammtisch und im Büro, am Tresen oder in der Sauna erzählen.

Kritisch würde die Lage, wenn sich besagter Haufen direkt vor deiner Haustür befände. Mit ihm wärest du gemeint. Da wären keine Gutmenschen am Werk gewesen. Am besten wäre es, das Hindernis zu ignorieren, Bein nach Bein elegant drüber zu schwingen und dabei eine strahlende Miene aufzusetzen, die besagte: Ich treibe gerne Frühsport!

Doch es ist schon vorgekommen, dass solche Haufen mit jedem Tag an Höhe gewannen.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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