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einhorn insel der seligen

Spectaculum


Noch will sich der Vorhang nicht heben.

Die schmissige Musik ist verstummt. Unbestimmte Geräusche lassen sich aus dem Bühnenraum vernehmen. Proben die etwa noch? Ein Affront für das zahlende Publikum! Immerhin erhaschen manche einen Blick durch einen Vorhangschlitz auf einen umgestoßenen grauen Klotz und ein blaues Stück Kulisse. Ein Block unbestimmter Farbe und ungünstig beleuchtet, ragt daneben auf.

Primitiv! teilt Herr Henker lautstark seiner Gattin mit. Ärgerlich mahnt ein Hintersasse zum Schweigen. Es werde doch bald losgehen. Die würden warten, bis Ruhe im Publikum eingekehrt sei.

Es wächst aber die Unruhe. Minute um Minute.

Plötzlich beginnt der Vorhang sich zu dellen und zu wellen, ohne dass man mehr von der Bühne zu sehen bekäme. Dazu ertönen verstärkte Atemgeräusche eines wohl bronchienkranken Menschen, eher weiblichen Geschlechts. Das Publikum ist verstummt, geht aber rasch zu unterdrücktem Seufzen und Stöhnen über. Die Geräusche sind schwer zu ertragen.

Aus einer Unschärfe heraus tauchen Schatten auf, die sich bewegen. Das Keuchen ist verstummt.

Herrn Henkers Hintermann platzt heraus: Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten … erst murmelt, dann skandiert er. Ruhe! Ruhe! zischt es allenthalben. Goethe! Faust! verteidigt sich der Störer. Eine Schrecksekunde. Was, die spielen Faust! In der Ankündigung stand: Spectaculum – Kein gedrucktes Programm, sonst keine Infos. Erneute Unruhe. Man hatte gute Unterhaltung erwartet (so wie man gutbürgerliche Küche schätzt), und nun – ein Klassiker! Etwas Schwerverdauliches. Alles wegen dem Intendantenwechsel. Der alte brachte manchmal eine schöne Operette. Der neue will unbedingt gleich klotzen.

Langsam, behutsam sich in das Stimmengewirr hineinarbeitend rezitiert ein Chor männlicher Stimmen aus dem Off: Ihr naht - euch wie - der, schwan - kende – Gestal - ten, - - - die früh - sich einst -dem trä - gen Blick - gezeigt. Es muss an die zehnmal wiederholt werden, bis die Zuschauer zur Ruhe gekommen sind. Dann, ein leises, fast zärtliches Geflüster der eben noch keuchenden Frau:

Faust I; Vorspiel auf dem Theater!

Kunstpause.

Alle starren auf Herrn Henkers Hintermann, der strahlt übers ganze Gesicht, beinahe hätte er sich verbeugt. Sogar Herr Henker bläst einen Moment lang anerkennend die Backen auf. Frau Henker gesteht sich ein, dass sie Vergleichbares mit ihrem Gatten noch nicht erleben durfte und riskiert einen bewundernden Blick nach rückwärts, der Herrn Henker leider nicht entgeht. Der Hintermann hat ihn dagegen sehr wohl bemerkt und streckt Frau Henker zackig seine feuchte Hand entgegen: Gestatten, Hunkel, Hadubrand Hunkel! Die Hand hat Frau Henkers Schulter nur knapp verfehlt.

Da es im Umkreis schon wieder heftig zischelt, beschließt Herr Henker, seine offene Rechnung mit diesem Hadubrand Hunkel nach dem Ende der Vorstellung zu begleichen. Seine Frau äußert sich manchmal naiv und arglos und tappt in allerlei Fettnäpfchen, er hat all das zur Genüge erlebt. Diesmal hat sie Henker genuschelt, fast unmerklich mit dem Kopf genickt und sich rasend schnell weggedreht. Es ist ihr peinlich. Sie hat die Kurve gekriegt.

Notgedrungen blicken wieder alle auf die Bühne, wo jetzt auf den Ausbuchtungen des Vorhangs ein Schattenspiel stattfindet. In der Mitte scheint ein pferdeähnliches Tier seine Launen auszuleben und Kapriolen zu schlagen. Dabei verliert es im Rhythmus der Bewegung den Kopf ab dem Widerrist, die Gliedmaßen verdicken sich keulenförmig oder werden spindeldürr. Achtern glaubt man ein Teufelshuf zu erkennen, da sich von seinem Tierleib getrennt hat und wild ausschlägt. Dazu strömt Entspannungsmusik, regelmäßig unterbrochen vom lauten Knurren eines Hundes. Der Pudel! Der Pudel! entfährt es Hadubrand begeistert.

Im Publikum wächst die Verwirrung. Es bemerkt erst jetzt die Schatten zweier Randfiguren, die nur auf und ab wippen, ohne sich zu verwandeln oder zu zerfallen. Ein König, der sich an die Stirn tippt, - ist es der unglückliche Lear, närrisch geworden auf Britanniens Heide? Ist es der Froschkönig mit fahrigen Gesten angesichts einer ältlichen Prinzessin, die ihn hoffentlich nicht küssen wird?

Auf der anderen Seite spielt sich offensichtlich ein Balanceakt ab. Eine seltsame Figur hält sich eben gerade noch auf dem Kopf eines Menschen, der mit den Armen rudert.

Die Musik ist verstummt. Der angebliche Pudel winselt.

In die Stille hinein hört man das Gemurmel eines Nachbarn von Herrn Hunkel, offensichtlich ein Deutschlehrer, der laut vor sich hin denkt: Es heißt doch nicht: dem trägen Blick – es heißt: dem treuen Blick gezeigt, was, Herr Nachbar? Die können ja nicht mal den Faust zitieren! Ein weiter hinten Sitzender, ein Studienrat auf Sommerfrische, erweitert das Spektrum: dem irren Blick gezeigt - steht im Text! Und jetzt gibt es kein Halten mehr - es hagelt weitere Vorschläge: dem frohen – nein: falschen – nein: müden – ach wo: lieben – also,ich hätte gemeint: mürben… Blick … gezeigt.

Da macht es: Klick! Sehr laut. Und einer hinter der Bühne hechelt mit der Stimme eines Sterbenden: Ein Königreich schenkt‘ ich dir - für ein Ross! O lass mich ein, dann bleibst du immerdar - mein Boss!

Das hat gesessen.

Eine heisere Stimme ist in Erregung geraten: Sehen Sie! Es ist überhaupt kein Goethe. Es ist Shakespeare, Heinrich oder Richard der Soundsovielte - oder dieser, dieser Schotte, dieser … den ich nie im Schottenrock auf einer Bühne gesehen hab … Sie wissen, wen ich meine?

Wichtigtuer! schallt es zurück.

Er hat Recht, heißt es von rückwärts. Der Knilch rechts, der das Ding balanciert, das ist Macduff oder Macduncan, oder MacBess … oder doch Mortimer …?

Die Gebildeten diskutieren ausgiebig. Die anderen, die mit den geschenkten Premierenkarten, werden ihrerseits laut. Nun haben sich auch zahlreiche weibliche Stimmen eingemischt. Diese siebengescheiten Fuzzis sollen doch endlich den Mund halten!

Der Vorhang öffnet sich nun mit einem einzigen Ruck. Kein Pferd, keinTeufel, kein denkwürdiger Tweet von Präsident Trump, sondern: eine Phalanx; der Chor. Würdige Herren mit Hut, Einstecktuch, Lorgnon und Stock. Die stattlichen Bäuche offensichtlich gepolstert. Sie trampeln sich vor zur Rampe. Wie drohend ballen sie nicht eine Faust, sondern viele Fäuste. In der ersten Sitzreihe sind einige zusammengezuckt.

Donnernd fährt der Text nun auf das Publikum nieder:

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt!

Versuch‘ ich wohl, euch diesmal festzuhalten?

Fühl‘ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten,

wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt.


Trockeneisqualm strömt herein. Nicht auf der Bühne, dafür im Zuschauerraum. Allgemeines Hust- und Nieskonzert. Arme, die sich durch die Luft schaufeln, um ein Stück weit zu sehen. Ein Inferno statt eines Stücks.

Herr Hunkel hat blitzschnell sein Taschentuch gezückt und will es Frau Henker reichen. Doch Herr Henker hat ihn ebenso prompt abgefangen und krallt sich an seinem ausgestreckten Arm fest. Aug in Aug stehen sie sich jetzt gegenüber. Beide in verkrümmter Haltung, halb erhoben, wie Ringer, griechisch-römisch.

Das Taschentuch ist abgestürzt. Eine dicke Nebelschwade schiebt sich rücksichtslos zwischen die streitenden Herren und löst eine doppelte, gigantische Nieskanonade aus. Frau Henker ergreift die Flucht. Andre haben schon vor ihr die Türen aufgestoßen.

Allgemein war es als affig betrachtet worden, dass an das Publikum vor Betreten des Saals Kirschtomaten ausgegeben wurden mit der Versicherung, das Salz werde nachgeliefert. Viele haben sich an die Stirn getippt und die Annahme verweigert. Jetzt aber fliegen tatsächlich die ersten kleinen roten Kugeln gegen die Bäuche der Herren vom Chor. Diese haben ihre edlen Teile mit vorgehaltenen Händen geschützt wie die Fußballer bei einem gegnerischen Freistoß und brechen in ein erst meckerndes, dann polterndes Lachen aus. Der Hund bellt sich die Lunge aus dem Leib.

Manche Wurfgeschosse haben nur die vorderste Reihe erreicht. Auch Hunkel und Henker sind betroffen. Vom Niesen geschwächt, verzichten sie auf weitere Händel. Kriechend erreichen beide den Ausgang.

Inzwischen haben alle begriffen, dass das Gelächter vom Band eingespielt wird. Das Zucken der Bäuche des Chors ist dagegen echt. Die Männer sind erstaunlich ausdauernd, denn diese Übung ist durchaus athletisch.

Schon purzeln die letzten Kirschtomaten in den Orchestergraben. Der Chor verbeugt sich exakt synchron. Ächzend geht der Vorhang zu.

Die nun waffenlosen Kirschtomatenschützen formieren sich zu einem letzten Aufgebot. Sie skandieren Schmeißt den In-ten-dan-ten raus! Treibt ihm sei-ne Hirn-ge-spin-ste aus! Ver-schau-keln wern wir uns nicht las-sen! Den Kerl, den krie-gen wir zu fas-sen!

Beim Hinausgehen passiert der überraschte Wutbürger eine weitere Phalanx. Ein Mephisto erstattet grinsend das Eintrittsgeld zurück, die Besucher mit geschenkten Karten ärgern sich. Ein Gretchen fragt lächelnd nach übrig gebliebenen Kirschtomaten, klirrt mit den Salzbüchschen. Ein Faust im Schottenrock wetzt lange Messer. Der Hund umkreist wackelnd die drei. Es ist ein Dackel.

Der Pressemann atmet auf. Bisher war ihm kein Titel für seinen Bericht eingefallen. Publikumsverarschung wäre dem Redakteur wohl zu drastisch gewesen, Der Rest ist Schweigen zu harmlos, wiewohl absolut passend (vielleicht als Schlusssatz?). Aber Vom Pudel zum Dackel – Aufstieg und Fall des postmodernen Theaters – Das könnte gehen! Eventuell würde er den Artikel beginnen lassen mit: Der umstrittene neue Intendant zeigt sofort sein wahres Gesicht. Es gelingt ihm, unser Publikum zu aktivieren, in ihm Leidenschaften zu entfachen. Mit Klassiktexten – Wer hätte das gedacht?


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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