Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Dichterliebe


Wo er nur bleibt? Dieses Mannsbild! Da geht einem der Hut hoch!

Bloß weil er es süß findet, setz ich diese blöde Koch-Mütze auf. Einmal ist sie mir schon in den Borschtsch gefallen. Die roten Flecken sind nie wieder rausgegangen. Aus Trotz habe ich keine neue Mütze gekauft. Das hat er akzeptiert. Ab und zu akzeptiert er etwas.

Ich koch‘ doch für ihn, und er kommt nicht. Am liebsten würde ich ihm mit dem Kochlöffel eins überziehen, wie ich es mit den Kindern mache, wenn sie nicht spuren. Ach was. Viel zu gutmütig bin ich.

Der und seine Blütenlesen! Dafür grübelt er Stunden lang, sondert Reim auf Reim ab, gelungene, halb gelungene und verkorkste bis völlig verkorkste und er schreibt’s sofort auf bis zum letzten i-Pünktchen. Fünfundzwanzig bis dreißig Zeilen, dann hört er meistens auf – obwohl man nur genau vierzehn braucht für ein Sonett, und es muss eine bestimmte Reihenfolge eingehalten werden. Das Sonett – sein Ein und Alles! Wer das Zeug erfunden hat!

Ich muss es mir dann anhören. Im Rohzustand. Seine fertigen Texte liest er mir dann nicht mehr vor. Die kriegt alle sein Kumpel zu hören, der, der sie dann der Fruchtbringenden Gesellschaft zukommen lässt. Über unbekannte Kanäle. Über einen Sprachnarren aus der hohen Geistlichkeit wahrscheinlich, meint Kunibert. So heißt er übrigens, mein Mann.

Ich habe nichts gegen den Kumpel, der ist ein netter Junge. Aber manche von diesen Sonettschreibern - mein Mann kennt noch andere, da gibt es eine Art Wettbewerb - sind irgendwie, hm, andersrum, die Kreszenz, die Nachbarin, meint das auch.

Die Fruchtbringende Gesellschaft will, dass wir nicht mehr schwätzen, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Wir – also wir nicht, das sind ja hohe bis höchste Tiere bis hin zu waschechten Fürsten, die da dazugehören. Kunibert hat mir erzählt, da gibt es Mitglieder mit närrischen Namen, der eine heißt Der Nährende, ein anderer Der Schmackhafte. Wenn die tagen, stell ich mir vor, da fressen und saufen die, was das Zeug hält.

Dabei haben die noch nie meine Gemüsesuppe probiert. Suppe mach ich am liebsten, in Suppe bin ich gut, das sagt mir der Kunibert ständig und merkt dabei gar nicht, dass es bei uns fast nichts anderes gibt als Suppe. Ich hab meinen Gemüsegarten. Die Gans gibt’s erst zum Christfest.

Er ist gottseidank ein Luftikus, mein Mann, er hat nur Sonette im Kopf. Gut, ein bissl verdient er dran. Ein Taschengeld. Er weiß aber nicht, ob sein Sonett wirklich zirkuliert und gelesen wird. Der Kumpel gibt es nur weiter. Er weiß es genauso wenig. Wahrscheinlich behauptet der Empfänger, es sei von ihm.

Vor lauter Sonettdichten vernachlässigt er manchmal seine Sonntagspredigt. Einmal, in seiner Not, hat er einfach eine vom vorletzten Jahr genommen. Ist aber aufgefallen. Hat böses Blut gemacht beim Kirchenrat. Wenn der von seiner Sonetterei wüsste!


Und jederzeit kann der Große Krieg auch zu uns kommen. Da kann er sich seine Sonette an den Hut stecken!


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER