Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Leere Kutte


Zwischen nackten Mauern aus großen groben Blöcken steht er, in einen Winkel gedrängt, ein abgewiesener Bittsteller, dem die demütig vorgestreckte Bettelschale aus den Händen geschlagen wurde …


Ein nahe liegender Gedanke - man sollte aber nicht unterschätzen, was da vor einem steht.


Es handelt sich nämlich um ein Gewand ohne einen Menschen drin, eine Pseudo-Person. Man könnte hineinschlüpfen, und das Gewand erwachte zum Leben. Denn es stünde dann vielleicht nicht nur bittend da, sondern fordernd, ursprünglich zwar im Sinne der Nächstenliebe, aber nutzbar auch für andere Belange.


Die härene Kutte will sagen: Ich kasteie mich selbst. Ich lasse den Stoff scheuern auf meiner Haut wie Sandpapier. Ich bringe ein Opfer. Für irgendetwas. Je nachdem, was ihr in mich hineinsteckt.


Verguckt euch dabei bloß nicht.


Schon ist einer hineingeschlüpft, der redet und redet: Ich bin Politiker, wissen Sie. Ich arbeite hart. Ständig klingelt das Mobiltelefon. Ich muss Reden und Vorträge halten (womöglich mit korrekten Daten; wenn nicht vorhanden, mit unkorrekten jonglieren). Ich muss dicke Gesetzentwürfe lesen und soll halbwegs kapieren, was drinsteht. Ich muss lästige Konkurrenten ausschalten. Ich muss meine Wähler bestechen …

Da hätte ich doch gerne … (jetzt streckt der falsche Mönch seine Handflächen vor, direkt euch vor die Nase) … höhere Diäten, angemessene Aufwandsentschädigungen, einen dicken Dienstwagen, Dienstwohnungen in Berlin und Bonn und ein zweimal jährlich wechselndes Feriendomizil.

Gute Ideen für meine Gespräche mit der Lobby benötige ich nicht, die hat die Lobby, aber ich brauche Kalkül. Für ein günstiges Verhandlungsergebnis, das ich meiner Partei und meinen Wählern verklickern kann. Ein paar Pfund Kalkül, die täten mir gut.


Habt ihr euch verguckt? Nicht unbedingt. Politik kann das kleinere Übel sein.


Besser einen Politiker in der Kutte als einen Militär, der euch erklärte, wie er härteste Ausbildungen durchlaufen und mühselig gelernt (und endlos geübt) habe, wie man Menschen vom Leben zum Tode befördere. Am besten mit aus der Ferne treffenden Waffen, wo man nur einen Hebel oder Knopf betätigen müsse, da habe man weniger Skrupel, das erspare einem das Metzgermäßige, man wolle doch auch weiterhin Leberkäs und fette Würste essen … das zehre an der eigenen Substanz, als Exekutor leide man zugleich mit seinen Opfern, da benötige man (und wieder streckt die leere Kutte euch die Hände entgegen) … man benötige Ehre, Ruhm und Privilegien und unbegrenzte Spielräume, Disziplin vor allem, das betreffen jedermann, das verstehe sich von selbst, aber nicht nur all dies, sondern auch Geld für neue Waffen, Geld für die Ausbildung, das Training, das Exerzieren, die Psychiatrie, die Überlebensbunker …


Gutgutgut, Herr General. Stecken wir nun doch lieber den Politiker in die Kutte? Oder bleiben wir hier, wo wir die Kutte gefunden haben, in dieser kleinen Kirche am Neckar und warten, bis ein Mönch oder ein Geistlicher, warum nicht ein hochgestellter, ein Prälat oder sogar ein Bischof, gerne auch ein Papst, auftaucht, in das härene Gewand schlüpft und zu Bescheidenheit, Sparsamkeit und Verzicht aufruft und uns um unser Geld bittet, das wir nicht brauchen und für sinnlose Dinge verschleudern, um es einem gerechteren Zweck zuzuführen?


Seine Lobby suche sich ein jeder selbst.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER