Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

Sonnette


Bescheidenes Schuhwerk. Zufriedene Schuhe. Glänzen müssen sie nicht. Sie brauchen nur etwas Ruhe.

Dass sie draußen vor der Tür liegen, was könnte das bedeuten? Sind sie Frischluftfanatiker?

Sie werden sagen: sie liegen nicht, sie lümmeln. Und Sie fragen sich, was ihr Kollege, offenbar ein Single, unter den Trittstufen treibt. Ist er gestürzt, ist er gar geschmissen worden? Zielsicherheit oder Zufall brachte ihn an diesen Ort.

Zwischen Herr und Knecht sind Konflikte eine heikle Angelegenheit. Denn stets ist der Knecht in der schwächeren, wenn nicht in einer aussichtslosen Situation. Größeres Interesse erfährt der Streit unter Gleichgestellten, in der Familie, unter Duzfreunden oder Parteigenossen. Besonders unter Paaren.

Unter Schuhen gilt natürlich wie überall das kapitalistische Prinzip der Heiligen Konkurrenz. Doch hand- bzw. fußgreiflich können Schuhe nicht selbständig werden. Sie können hingebungsvoll quietschen, verfügen darüber hinaus aber über kein uns Menschen verständliches Stimmregister. Dass Schuhe aber nicht kommunizieren würden – zum Beispiel nicht streiten, ist noch nicht widerspruchsfrei bewiesen worden.

Fragen wir uns, ob der Schuh unten mit seiner Lage zufrieden oder unzufrieden ist. Anzunehmen ist, da für Schuhe ein Existieren im Singular nicht zielführend erscheint, dass ein Schuh ohne Schuhin sich nicht genügt. Ist er von seinen glücklicheren Kollegen verspottet worden? Hat das Paar so über ihn gelacht, dass einer von beiden, als er, schenkellos, wie Schuhe sind, zum Schenkelklatschen ansetzte, beinahe auf den Rücken fiel? Oder haben sie dem Einsamen Vorwürfe gemacht, da er allein im Schuhheim eintraf? Er habe wohl auf seine ihm anvertraute Schuhin nicht ausreichend aufgepasst!?

Die drei Treter befinden sich in alltäglicher Gesellschaft: Kabel, Stangen und Matten sind ihnen vertraut. Die räumt ihnen keiner weg. Doch unter einer duftigen, weißen, schleierähnlichen Verhüllung verbirgt sich etwas. Sicher ist es für den Herrn der Füße und Schuhe bestimmt, wenig wahrscheinlich ist, dass sich zufällig Vorübergehende an einer Gabe des Hauses (etwa: Fallobst) erfreuen sollen.

Ohne Wissen des Schuhherrn muss jemand dieses Objekt hier sachte deponiert haben. Die Schuhe dösten, müde, wie sie waren, und haben nichts bemerkt.

Ein landestypischer kouglof, gebacken von der Tante Sonnette, die, um Herkunft und Spender klarzustellen, die Wand mit ihrem Namen schmückte, ja, ein kouglof wird es sein! Sie ist ja sooo nett, die Tante! Und sooo lausbübisch! Denn ihre Signatur hat sie heute so an die Wand gefetzt, dass das Wort auch Sannelle gelesen werden könnte. Sanella ist in Frankreich ein offizieller Vorname, sehr exquisit allerdings. Seit Beginn der Statistik (1900) erhielten genau 26 weibliche Babys diesen Namen.

Die Tante liebt die Wiederholung nicht, auch nicht beim kouglof –Rezept. Aus dem gleichen Grund stören sie Rechtschreibfehler nicht, öfters setzt sie sogar absichtlich welche.

Sie hatte es heute pressant, denn oft hinterlässt die so nette Tante Sonnette auch ein Sonett. Stets akkurat, vierzehn schnurgerade gezogene Zeilen, gegliedert in vier Strophen nach kontinentaler oder Shakespeare-Art. Ein derartiger Mauerschmuck löst regelmäßig Kontroversen bei Amte aus. Dort fragt man sich, ob solches als Graffito gelten sollte und umgehend zu beseitigen wäre, oder ob es als lyrisches Kunstwerk beitragen könne zum Wettbewerb Unser Dorf wird schöner?