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einhorn insel der seligen

Muschel und Metapher


Unter den Pflastersteinen liegt der Strand, das behaupteten ernsthaft die Horden auf den Straßen daherstampfender Menschen und meinten es halbwegs ernst. Dazu mussten die Steinfliesen aus ihrem Verbund herausgerissen, hochgestemmt und gegen ausgewählte Ziele geworfen werden. Am leichtesten ging das mit Glas. Das leistete keinen Widerstand. Die Schaufensterscheiben zersplitterten sofort und schepperten dabei laut, man unterbrach das Skandieren und brüllte Beifall. Auch Autos verfügten über Scheiben. Sie verbogen dazu unter Steinwürfen willig ihr Blech und öffneten Brandsätzen den Weg in ihr Inneres. Aufflammende Feuersäulen markierten die Wege der wütenden Rotten.

Das mit den Pflastersteinen war ein Problem, solange sie noch fest aneinander verankert auf dem Straßengrund verharrten. Man musste sie lockern. Mit Brechstangen oder, in Idealfall, mit einem Pickel. Hatte man aber einen oder zwei gelöst, ließen sich nach dem Dominoprinzip die folgenden zügiger herausreißen, egal in welcher Richtung man vorging.

Aber selbst dann hatte einer allein meist keine Chance. Man musste Solidarität üben und ein Kollektiv bilden. Das galt – ungeachtet der rasanten Fortschritte des Feminismus – besonders für weibliche Teilnehmer solcher Veranstaltungen.

Unter dem Pflaster befand sich allenfalls Sand, aber kein Strand. Das Meer blieb, wo es war, fern von Paris. Die Metapher blieb Metapher. Anders als Polizei und Staat, die nicht gewillt waren, im Zustand von Metaphern zu verharren. Ebenso wenig wie Schaufenster oder Autos diesen Geisteszustand auf ihrer Seite hatten.

Solche Lücken im Pflaster wie diese, in der sich zwei rötliche Blüten an ein blauzackiges Ding schmückend schmiegen, konnten und können der Ausgangspunkt von Straßenkampfaktionen sein. Heute uniformiert man sich und trägt gelbe Weste. Damals wie heute lag Mitmarschieren im Trend. Man war die Avantgarde von irgendwas. Fünfzig Jahre hin oder her – geschenkt.

Bestünde dieses Ding in der Pflasterlücke aus zwei senkrecht einander fixierenden Kronkorken, könnte man daraus auf eine erhebliche Dicke der Steine schließen, was die Straße für die beschriebene Art der Straßenkämpfe ungeeignet machte.

Ich meine aber, es ist eine Muschel, so metaphorisch wie der Strand und das Meer, das sie so weit herüber gespült hat, bevor es sich wieder zurückzog in einem gewaltigen Tidenhub. Es hat dabei alles mit sich genommen, Demonstranten wie prügelnden Polizisten, Autowracks und zerstörte Geschäfte.

Die gezackten Ränder der Muschel bewahren Buchstaben, die ein Wort mit einer Botschaft bilden. Da es niemanden gibt, der sie entziffern kann, wird daraus, fürchte ich, sofort vielfältiger Streit entstehen. Neue Protestierende werden aus den Lücken in der Pflasterdecke aufsteigen ebenso wie neue Ordnungskräfte mit Gummigeschossen und Wasserwerfern.

Die Geschichte von Kadmos, der Drachenzähne säte, aus denen Krieger aus der Erde wuchsen, wiederholt sich in alle Ewigkeit.

Zu unserem Glück gibt es die Metaphern.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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