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Wahr ist, was du anfassen kannst. Eine Figur an einer Wand, mag sie noch so realistisch ausgeführt sein, ist nicht wahr. Ist letztlich Geschmier, oder?

Warum sollte einer Coladosen angeln? Warum sollte ein anderer mit einer Coladose angeln? Können beide Angler identisch, nur ein einziger Angler sein? Niemals. Das Menetekel an der Wand behauptet das. Genau so könnte ich sagen: Die Sachsen sind Angeln und die Angeln Sachsen.

Der Junge sitzt nicht einfach da. Er wippt auf und ab, Luft drängt sich zwischen Sitz und Hinterteil. An den Sohlen ist diese Wippdistanz etwas geringer. Da denkst du sofort an einen Kindertanz wie Hoppe, hoppe, Reiter. Cola bekommt so eine Aura von Unschuld.

Kein Zweifel, es handelt sich um Werbung, um das Gegenteil von Schleichwerbung.

Coladosen angeln heißt sie sammeln, sie anhäufen, auch die im weiten Ozean verlorenen Exemplare zurückholen, um zahllose Fassaden daraus zu bauen zu Ehren des alleinseligmachenden, des Koks und Zucker so trefflich gattenden Dosentrunks, so ungiftig wie eine Herbstzeitlose.

Mit Coladosen angeln heißt die Fische und andere Meeresbewohner zu begeistern für den Geschmack, den noch die Neige, der letzte Rest der ausgeschlürften Flüssigkeit, verbreiten kann. Colabraune Meere sind eine Illusion, sicherlich, doch der Nährwert aus der roten Dose macht die Fische feist und Fischfresser (zu denen wir uns zählen dürfen) glücklich. Diese Art des Angelns dient nicht primär dem Fischfang (obwohl es sein kann, dass ein besonders colagieriger Fisch sich in der Öffnung verhakt und wahrscheinlich elend verblutet), sondern leistet einen Beitrag zur Artenvielfalt.

Nein, die Angeln sind keine Sachsen.

Auf diese unmaßgeblichen Gedanken lasse ich jetzt einen Tatsachenbericht folgen:

Spazieren gehend sehe ich diese Wandverschmutzung, stoppe, zücke die Kamera. Da steht ein Mann vor mir, wie aus dem Boden gewachsen, und sagt: Das ist ein Banksy! Dabei reißt er die Augen so weit auf, dass ich fürchte, die Äpfel könnten herauskugeln. Vage habe ich gehört von so einem Sprayer, aber der Mann lässt mich nicht zum Denken kommen. Wöchentlich neue Auktionen! Sechs-bis siebenstellige Preise, von denen er eine ganze Menge andächtig zitiert. So prasselt es auf mich ein. Und erfreut mich: Mein Foto, falls es denn nicht verwackelt ist, steigt vom Nennwert null auf tendenziell irgendwas.

Mir fällt ein, dass mein verlorener Freund, der legendäre NikvanDoz, einmal feststellte: Hätte ich damals, als ich bei diesem Wahnsinnigen hospitierte, Fotos gemacht, so wäre ich jetzt ein reicher Mann. Denn der Wahnsinnige hieß Joseph Beuys, und kaum jemand kannte ihn damals.

Bei mir und dem Eventuell-Banksy ist es umgekehrt. Niemand würde nach meinem Foto fragen. Schade. Selbst wenn ich aus den Sitzsteinen des Banksy-Anglers eine Barriere errichten würde (sind sie nicht genau dazu da, diese Quader?), würde das keinen Preis für meinen Banksy erzielen.

Der Mann mit den Kulleraugen und der heiser drängenden Stimme ist verschwunden. Wenn es ein Banksy war, ist das Bild inzwischen längst abgekratzt und wird mein Leben nicht ändern können. Beuys ist tot. Ich grüble also über R nulleins oder R nullsieben und inti-?


Intima der Weißen-Lilien-Straße …