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einhorn insel der seligen

Vogue


Aus den zartesten und unschuldigsten Materialien kann man allerlei bauen. Kinder spielen gern den Baumeister. Sie bauen nicht nur, um zu zerstören, sondern sie zerstören auch, um erneut zu bauen.

In einer Tropfsteinhöhle fand man jüngst ein Bauwerk aus hunderten und aberhunderten abgebrochener Stalagmiten von annähernd der gleichen Länge – der eines menschlichen Unterarms – errichtet sechstausend Generationen vor unserer Zeit. Das Bauwerk war bescheiden. Es bestand aus Mäuerchen, höchstens zehn Zentimeter hoch, die auf dem Höhlenboden Kreise oder Vielecke umgrenzten.

Sinn: unbekannt; wohl kein Hüpfspiel. Vermutung: Kultstätte.

Gebaut aus den schmalbrüstigen Zigaretten Marke VOGUE, verwandelt in imaginäre Ziegel und Riegel, könnte man sich ebenfalls vielfältige Konstruktionen vorstellen, doch sie hätten einen Makel: Sie vervielfältigten ein Wort mit einer Bedeutung. Der Sinn wäre zwar nicht eindeutig (weil Sprache nie ein Ding oder einen Zustand widerspruchsfrei umreißen kann), doch die Unschuld wäre verloren.

Das Wort VOGUE bekäme seine endgültige Bedeutung erst aus dem Kontext. Dabei könnten Missverständnisse auftreten. Sprecher anderer Sprachen würden den Sinn von VOGUE nicht verstehen. Oder das Wort wäre Spielball von Ironie und Witz.

Als Name könnte VOGUE ein Produkt bezeichnen, das von vergleichbaren Produkten unterscheidbar sein sollte (z. B. wegen seiner Qualität). VOGUE könnte auch ein Eigenname sein. Wenn es sich dabei um einen Diktator oder ein überirdisches Wesen handelte, könnte man sich seinen Namen, unendlich oft wiederholt, auf einem Präsidentenpalast, einem Tempel oder einem Mausoleum vorstellen.

Auf jeden Fall wären wir veranlasst, nach einem Sinn zu suchen und unsere Deutungen wären gelenkt.

Nicht so, wenn schlicht und ergreifend drei Zigaretten der Marke VOGUE inmitten ihrer Asche vor sich hin dämmern und auf ihre Entsorgung warten. Sie wandern in den Müll. Krematorium. Der Tatbestand ist eindeutig.

Die Asche ist flüchtig, sie kann in unendlich kleine Teilchen zerfallen. Manche werden dem Kehricht entgehen, fort schweben und irgendwo niedergehen. Die Hüllen aber verschwinden mitsamt dem aufgedruckten Wort, worüber zu phantasieren wir jetzt keine Lust mehr haben. Ans Bauen denkt sowieso niemand. Erst recht kein Kind. Ein Kind würde Zigarettenschachteln nehmen.

Der Sinn, das genussvolle Räuchern von Mundraum, Luftröhre und Lunge, ist zeitlich begrenzt. Wer solche Lust nie kennen gelernt hat, mag es nicht verstehen, wenn ein Aschenbecher zur Kultstätte geworden ist, wenn in seinen Reflexen und Spiegelungen sich der Raucher an die Wirkung des eingesogenen Dampfs erinnert und ihre Vergänglichkeit bedauert, die unbedingt nach Wiederholung verlangt.

Erinnerungen müssen gestützt, in Schönheit gefasst, mit Worten eingehegt werden. Dann wenden wir uns wieder der Realität organischer Schädigungen und allgegenwärtiger Werbung zu.

Getröstet.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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