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einhorn insel der seligen

Gisant de rue


Der Tod ist schlau. Er kommt nirgendwo her und überall hin.

Er lässt sich wie Santa Claus, nur ohne Rentier, durch den Kamin plumpsen, wenn es ihm passt, die Bewohner eines Hauses, die gerade mit Gästen feiern, in eine grauenhafte Verwirrung zu stürzen, weil sie sich fragen: Hier ist Party, es geht hoch her, und nun Rauchschwaden, Funkenregen, Gasgestank, ein schauderhaftes Gerumpel und ein Klappern von Knochen! ER, ER in Person steht mitten unter uns, und wer - wer ist dran?

Er kann aber auch wie ein Siebenschläfer durch den schmalen Spalt unter einer geschlossenen Tür schlüpfen. Dahinter richtet er sich langsam wieder auf wie eine Kobraschlange und der jeweilige Klient reißt die Augen auf, greift sich an die Brust und weiß – es ist soweit. Er stößt nur noch einige vage, quiekende Laute aus, bevor er zusammenbricht.

Wenige, sehr wenige haben ihm Widerstand geleistet. Legendär ist der Brandner Kaspar aus dem oberbayerischen Sprengel, er hatte Kirschgeist vorbereitet für den Fall der Fälle und gezinkte Karten. Auch andere sind dem Tod, wie man so sagt, im letzten Augenblick von der Schippe gesprungen. Aber in allen bekannten Fällen war das nur vorläufig möglich. Der Tod kam bald danach wieder. Wie im folgenden Vorfall, der seine Runde um die Welt machte.

Nach einem terroristischen Anschlag in der Hauptstadt des Westens geriet der Tod in eine Straßenkontrolle, wurde ordnungsgemäß nach Waffen und Sprengstoff abgetastet und dabei sofort identifiziert, da die Hände des Polizisten kein menschliches Fleisch ertasten konnten und der Tod die Skimütze abnehmen musste. Da prallte die gesamte Phalanx der Polizisten zurück, worauf sich einige zu kontrollierende Personen durch Flucht jeglichem Zugriff entzogen. Die meisten in der Menge jedoch standen einfach sprachlos da, erstarrt, die Hände nutzlos baumelnd. Der Tod drehte langsam den Schädel, bis er alle mit seinem augenlosem Blick erfasst hatte, begann dann ein ohrenbetäubendes, meckerndes Gelächter, riss den nächstbesten Gullideckel hoch und war verschwunden. Man hörte es noch lange aus der Tiefe undeutlich gurgeln. Wieder einmal hatte sich der Tod einen Scherz erlaubt, denn an diesem Tag war seine Aufgabe bereits mehr als erfüllt.

Darauf entschlossen sich Lausbuben, denen vor gar nichts grauste, dem Tod unter Mithilfe des bewussten Gullideckels auf den Gehsteig zu malen, um Passanten in Erinnerung an das Vorgefallene erneut in Schrecken zu versetzen. Mit Hilfe eines aus dem Biologiesaal ihrer Schule geklauten Skeletts brachten sie die Umrisse lebens-(oder todes-)echt aufs Pflaster. Die Querholme des Gullis verwandelten sich in die Rippen des Brustkorbs. Zigtausenmal wurde dieser scheinbar ungefährliche, weil nur zweidimensionale Tod von Handys abgelichtet, bevor eine humorlose Straßenreinigung ihn zum Verschwinden nötigte.

Die Identität der Lausbuben wurde niemals ermittelt. Leute, die sie gekannt haben, aber sie nicht verraten wollten, behaupteten, sie hätten Nacht für Nacht Alpträume von zweidimensionalen Schreckgestalten entwickelt, die plötzlich in die dritte Dimension hineinwuchsen, mit Krallenfingern oder Tentakeln nach ihnen griffen und Mäuler aufsperrten, so groß wie die von Pottwalen. Sie sollen in psychiatrischen Anstalten leben, ohne Schulabschluss, aber mit einer Sammlung von kleinen Spielzeugskeletten in ihrer Zelle.

Die fröhlichen Handyknipser, die von diesen Gerüchten erfuhren – und Gerüchte verbreiten sich rasend schnell – hatten nichts Eiligeres zu tun, als umgehend ihre Fotos vom flachen Pinky-Pflaster-Tod mit der Gullibrust zu löschen.