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einhorn insel der seligen

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Ja, es könnte gut sein, dass ich eine Bank bin – oder sonst ein Ort, wo sie dir Geld abknöpfen um den Preis, dir alles Mögliche zu versprechen. Tritt ein! Aber mach keine hässlichen Flecken auf meine Spiegelscheiben, indem du dir vorher daran die Nase platt drückst. Da könnte es sein, dass die Verriegelung einrastet und du ausgesperrt bleibst.

Ja, du brauchst eine Bank, natürlich. Eine Bank verfügt über Geld, du leider nicht. Du bildest dir aber ein, dass du Geld brauchst. Dringend. Sofort.

Du könntest die Bank auch überfallen. Da habe ich gewisse Bedenken, ob du das schaffst. Hast du gesehen, dass ich Uniform trage? Und den Napoleonshut, der mich ziemlich wachsen lässt in deinen Augen, stimmt’s? Dabei hat Napoleon nie einen Fuß in meine Stadt gesetzt. Doch du könntest gleich beide Füße hereinbewegen in diese heiligen Hallen, aus denen du nur mit Schulden wieder herauskommst.

Zugegeben, es fordert Mut, sich mir zu nähern. Wegen der Spiegel, die meinen kindlichen, rundlichen Körperformen folgen und dein Spiegelbild verzerren. Lustig, wenn du Optimist bist. Schauderhaft, wenn Melancholie dich reitet und deine Unterlippe hängt.

Aber Spiegelbild ist Spiegelbild. Du bist, was du in mir siehst. Ein Tausendsassa. Oder ein zwergwüchsiger Napoleon, der sich unter einem riesigen Hut versteckt, einer, der die ganze Welt erobern wollte und am Ende auf einer einsamen Atlantikinsel erbärmlich zugrunde geht.

Du zögerst. Wer man ist, weiß man kaum, obwohl man genau zu wissen glaubt, wer man war und wer man sein wird. Komisches Dilemma. Menschliches Dilemma. Ich bin bloß ein Spiegel, exakt geschliffen, mich jedem anpassend, der mir gegenübersteht. Ich weiß von nichts. Von dir nicht und von niemandem.

Aber lassen wir diesen Psycho-Mist, diesen Selbstfindungs-Wahn. Gib dir einen Ruck. Du brauchst Geld. Der Hut ist nur Bluff. Mein Heer besteht aus dienstfertigen Geistern, die dir Kredite aufschwatzen, Konditionen anpreisen, Unterschriften schmackhaft machen. Sie zaubern aus deinen bescheidenen Wünschen nach ein paar Kröten einen kompletten Amphibienzoo. Erst wirst du gestreichelt, dann schluckst du.

Du schüttelst den Kopf? Du misstraust deinem Spiegelbild?

Dann sage ich dir was: Vielleicht bin ich gar keine Bank, sondern eine Kirche. Von einer Sekte der lockeren Art. Von einer, die Erfahrung hat mit Betteln und Bettlern wie dir aufgeschlossen ist. Da müsstest du, nun ja, beitreten. Und zuhause deine Kumpels missionieren. War'n Scherz.

Ich als Spiegel zeige dir deine Zerrissenheit. Aber zerrissen möchtest du doch nicht sein. Tritt ein. Die Leutchen drinnen flicken deine Seele wieder zusammen. Und Geld gibt’s auch noch.

Ich bin nur die Tür. Über meinem Eingang steht nichts geschrieben. Aber ich bin keine Wurstfabrik und keine Schule.

Überleg dir’s.