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einhorn insel der seligen

Zeit End


Nein: die Zeit endet nicht. Sie kann nicht enden. So wenig wie sie einmal angefangen haben kann. Vor mir rollt sich die so genannte „Geschichte“ aus bis hinein in eine Vergangenheit, die so fern und dunkel ist, dass sie sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Vor unserem Leben als Menschen lebten unser aller Vorfahren, vor diesen existierten andere Lebensformen bis hin zu vagabundieren Einzellern (die es heute noch gibt). Alle haben in derselben Zeit existiert wie wir, wie ich. Dass es einen Urknall gegeben haben mag, geschenkt. Er war nicht der Anfang. Auch zuvor war etwas – und war also Zeit. Ebenso wenig wird ein Ende sein. Wenn ich, sagen wir, am dreiunddreißigsten Februar sterbe (siehste, bin ich doch abergläubisch), gibt es in jedem Fall einen vierunddreißigsten Februar für alle anderen, und so geht es weiter. Und wenn wir uns tatsächlich auf diesem blauen Planeten selber auslöschen sollten (oder wenn ein besonders zielsicherer großer Meteorit das besorgt), endet die Zeit nicht. Dem Universum sind wir egal. Und der Zeit auch. Sie läuft und läuft. Es wird eine andere Welt sein – aber sie wird sein.

So stellt sich der kleine Maxl die Zeit vor.

Die Vorstellung von Zeit ist gekoppelt an unsere Hirnkapazität , an unser Bewusstsein. Wir meinen, unsere persönliche Zeit sei eingebettet in etwas Größeres, Allgemeines. Eine Denkfigur. Sie tröstet über die Gewissheit des eigenen Todes hinaus. Wir sind sicher: auch im Jenseits besteht die Zeit fort.

Die verschiedenen Schöpfungsgeschichten sehen das naturgemäß anders. Auch bei Religionen, die mehrere Gottheiten annehmen, ist es meist ein bestimmter, ein einzelner Gott, der die Schöpfung übernimmt. Der Gott oder die Götter müssen schon vorher dagewesen sein. Und ebenso irgendwelches Material, Rohstoff für die Erbauung einer Welt. Lehm soll es gewesen sein bei Adam und Eva. Wo aber gibt es Lehm? Wie entsteht Lehm? Bei Wikipedia kann man es nachlesen, was der Schöpfung vorausgegangen sein muss. Der Wissbegierige wird immer weiter blättern und findet eine Geschichte vor der Geschichte vor der Geschichte … Und der eifrige Blätterer hat bald die Grenze seiner Hirnkapazität erreicht. Es muss transzendenter Lehm gewesen sein.

Alles sehr verwirrend.

Unsere persönliche Zeit, unsere Lebenszeit, ja, die ist endlich. Daran denken wir nicht gern. Und wenn wir daran denken, malen wir uns einen stillen, leichten Abschied von der Familie, von den Freunden aus, von allem, was unser Leben reich gemacht hat. Inmitten einer Katastrophe umzukommen, würde uns weniger gefallen, deren Erwartung würde uns Angst machen.

Wenn jemand End Zeit an eine Wand schreibt, an der unablässig Menschen vorbeikommen, will er suggerieren, dass uns allen ein derartiges Schicksal drohe? Hat er nur die Satzzeichen vergessen: End, Zeit! - ? Oder will er einfach seine miese Befindlichkeit mit uns teilen? Lassen wir ihn.

Wir haben die Flammenschrift gelesen: Mene mene tekel u parsin, gezählt, gewogen, geteilt. Wir haben einen Moment ausgeharrt, haben uns ein paar Gedanken durch den Kopf gehen lassen, obwohl wir es eigentlich, wie fast immer, eilig hatten.

Die große Zeit hat uns oft an der Kandare. Aber wir können uns auch losmachen von ihr, sie abstreifen, in unseren Gedanken spazieren gehen in unserer eigenen, eigensten, kleinen Zeit.