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einhorn insel der seligen

Kennen lernen


  • Der Ball! Hast du den Ball gesehen, du … He! Was bist denn du für einer?

  • Ein König. Das siehst du doch.

  • Aha. Das soll also eine Krone sein. Sonst bist du ziemlich nackt, wie ich sehe. Mehr als nackt. Mehr nackt, als erlaubt ist.

  • Du auch.

  • Nicht so nackt wie du. Puh! Ja, also … ich wollte Ball spielen und dann – eventuell - baden.

  • Mit wem? Ganz allein?

  • Meine Fräuleins suchen alle den Ball. Er ist hochgeworfen worden und dann irgendwie - davongeflogen. Hast du ihn nicht gesehen?

  • Du hast da etwas im Kreuz, oberhalb deiner Pobacken. Ist das ein Blatt? Nein! Ein Schmetterling! So ein netter Schmetterling!

  • Meine Pobacken gehen dich einen feuchten Kehricht an. Ich bin nackt, weil ich baden wollte. Da bist du plötzlich aufgetaucht aus dem Wasser. Zum Glück war ich noch nicht drin gewesen. Stattdessen bist du mir direkt vor die Nase gehüpft. Ich frage nochmal: Weißt du, wo mein Ball ist?

  • Dein Ball, hm. Wie sah der aus?

  • Wie halt ein Ball aussieht. Klein. Liegt perfekt in der Hand.

  • Rund?

  • Oh Gott, der Typ hat noch nie einen Ball gesehen!

  • So einen wie deinen noch nicht. Hochkarätiges Material.

  • Du weißt also, wo er ist.

  • Ja. Du kriegst ihn für einen Kuss.

  • Einen Kuss? Nie im Leben. Was hast du bloß für ein Gesicht? Ich muss die ganze Zeit bloß auf deinen Wanst gestarrt haben, … auf den … Nabel. Du hast ein richtiges Froschgesicht.

  • Wenn du auf meinen Abdomen fixiert bist, ist das nicht meine Schuld.

  • Ich wollte diese Visage vergessen. Oder verdrängen. Oder … Dein Maul, entschuldige, dein Mund geht von einem Ohr zum anderen, obwohl da gar keine Ohren sind. Auch die Nase fehlt – aber alles ist nicht so schlimm wie die Glotzaugen!

  • Du wirst dich daran gewöhnen müssen.

  • Ich muss gar nichts. Gib den Ball heraus!

  • Wie gesagt: Wenn ich einen Kuss bekomme. Einen richtigen, natürlich.

  • Wie gesagt: Nie im Leben.

  • Was mag dein Ball wert sein? Einige hunderttausend Schweizer Franken. Mehr? Vermutlich viel mehr. Gehört er nicht eigentlich dem Papa?

  • Jetzt willst du mich erpressen.

  • Weiß dein Papa, dass du ihm den Ball entwendet hast? Der Ball ist im Übrigen ziemlich auffällig, weil er so golden glänzt. Er ist auch viel zu schwer, als dass er weit davonfliegen hätte können. Deine Fräuleins hätten ihn längst finden müssen. Aber du hast gar keine Fräuleins. Du bist eine saubere Schwindlerin. Du wolltest mit dem Ball von Papa über alle Berge, ihn zu Geld machen, dir die schicksten Sachen kaufen und mit ihrer Hilfe dir einen hübschen Jungen anlachen. So sieht es doch aus.

  • Wie du sprichst! So quäkend, so näselnd. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter.

  • Hättest deine Klamotten anlassen sollen. Und gib endlich zu, dass du einfach ausgebüxt bist mit dem geklauten Ball. Und ausgezogen hast du dich, weil du das zuhause nicht durftest, da kriegte deine Mama die Krise , und der Papa tobte von wegen Anstand. Du wolltest dich im Spiegel sehen von vorne und von hinten und wärst beinah ins Wasser gefallen. Den Ball hattest du vergessen momentan, so sehr warst du beschäftigt mit der Beurteilung deiner weiblichen Essenzien und Akzidenzien. Immerhin weiß ich, dass du einiges auf dem Kasten hast, es spricht sich im Wald ja schnell herum, was die Leute im Herrenhaus so treiben. Eine Kriegerin willst du sein, deine Sippschaft hast du zur Verzweiflung gebracht nicht nur mit deiner Frisur, sondern vor allem mit deiner ewigen Aufsässigkeit. Aber damit ist jetzt Schluss. Küss mich.

  • (Schweigen)


(Das Mädchen richtet den Oberkörper auf, atmet durch. Der Froschkönig nimmt den Ball, den er hinter sich gelegt hatte, in die rechte Hand, mit der Linken fasst er das Zepter und beginnt langsam auf das Mädchen zuzuhopsen. Das Mädchen schließt die Augen. Der Froschkönig nähert sein Maul behutsam ihrem Mund. Ein langer, ein sehr langer Kuss folgt, es ist sicherlich ein richtiger.

Schließlich lassen sie voneinander ab. Eine Pause entsteht.

Das inzwischen in die Hocke gegangene Mädchen schnellt plötzlich hoch, als hätte ihr der Kuss froschige Kräfte verliehen, umklammert mit beiden Händen den Hals des Frosches, würgt ihn und wirft ihn mit unglaublicher Kraft gegen den nächsten Baumstamm. Der hat alle Säfte voll zu tun, um nicht zu knicken. Das Mädchen stößt einen Jubelruf aus, dann, fast gleichzeitig, einen Schrei des Entsetzens. Da liegt kein Frosch unter dem Baum, sondern ein lockenhaariger Jüngling mit einem Adonisleib.

Mausetot. Genickbruch.

Das Mädchen rennt zu seinen abgelegten Klamotten, findet sein Huawei, ruft den Notarzt. Der kommt und schüttelt bloß den Kopf.

Widerspruchslos zahlt der Papa Einsatzgebühren und Begräbniskosten. Er wird pleite gehen, denn der goldene Ball liegt unauffindbar in den sumpfigen Tiefen des Wassers.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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