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einhorn insel der seligen

Momentaufnahme


Der Tod ist ein fieses, ein fixes, ein flinkes Kerlchen, flach wie Papier, wendig wie ein Fechter. Er setzt seinen Fuß auf ein Rollbrett und hat sich abgestoßen. Scheppernd dahingleiten wird er, vorbei an Dick und Dünn, Hoch und Niedrig, Klein und Groß.

Er hat Feuer unterm Hintern, aber niemanden reißt er mit.

Wie er auftaucht, starrt alle Welt auf ihn. Wir Kreaturen sind blass geworden, unsere Farben begehren jedoch auf. Er nämlich, dieses Bildchen, dieses Karikatürchen von Tod, ist nichts als schwarz, einen breiten Leib hat er wie ein Ungeziefer und Striche statt Ärmchen und Beinchen. Plump ist er und spillerig zugleich, der Schädel überdimensional, eine Missgestalt, eine Spottgeburt.

Wir, an denen er vorbei hastet, ohne uns eines Blicks zu würdigen, stehen regungslos wie Ölgötzen, uns macht er mit der Drohung wiederzukommen schüchtern und stumm.

Dabei kann er nicht einmal sprechen. Er klappert mit Zähnen und Kiefern, die Augenhöhlen können keine drohenden Blicke aussenden. Seine Botschaft hat er in eine Zahl gepresst: 360° - das bedeutet: stets und überall. Das Ergebnis dürren Kalküls.

Wir sind noch lange nicht so weit. Sicher, irgendwann wird er uns gepackt und zerstört haben, jetzt aber nicht. Wir versammeln uns. Wir pflanzen. Wir bauen Türme. Wir sperren unser Leben nicht in Zahlen ein wie er, dieser wandelnde Grabstein, dieser gesichtslose, geschlechtlose Gnom.

Und da ist ja auch noch der Rote Engel.

Sein Auge speit Feuer, das regnet auf die Welt, das macht dem Tod Beine.

Sein Körper ist groß und wächst immer weiter.

Seine Arme machen uns ermutigende Zeichen. Einige haben es begriffen und ihr Auge zu ihm gewendet. Der Tod ist aus ihrem Blickfeld verschwunden, mag er noch so viel Wesens von sich machen.

Bald werden wir ihn alle vergessen haben.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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