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einhorn insel der seligen

Bespiegelung


Oben, am Ende einer großen Freitreppe, da stehen wir: wer heraufsteigt, sieht mich schon von weitem. Meinen Doppelgänger bemerkt er erst, wenn er ganz oben ist. Oder meine Wenigkeit nimmt ihn so in Anspruch, dass er den Spiegel übersieht.

Gaukler sind wir. Seht ihr die Trommel? Mein Doppelgänger im Spiegel wird sie schlagen, wird meine Kunststücke begleiten. Ihr glaubt es nicht? Dann werdet ihr auch den dumpfen Schlag, den stampfenden Rhythmus des Trommlers niemals vernehmen.

Seht ihr die Würfelbecher, die Kugeln, mit denen ich gleich jonglieren werde? Wie? Ich sei ein Schwindler, könne mich nicht regen und nicht bewegen, denn ich sei doch aus Stein wie das Spielgerät zu meinen Füßen? Darauf könnt ihr Wetten abschließen, ihr könnt dabei euer ganzes Geld oder die eben getätigten Einkäufe verspielen, denn nur ich würde dabei gewinnen. Raufereien, Schlägereien könnten die Folge sein – auf der Treppe! Ein großartiges Spektakel erwartet euch. Erwartet uns.

Ich biege mich nach hinten in der Vorfreude auf die Gesichter, die ihr machen werdet. Ich hole aus zu einem ungeheuren Gelächter.

Aber ach, ich weiß, niemand betrachtet mich. Die große Treppe ist leer. Die weitläufige Passage ist leer. Es ist doch helllichterTag! Ich höre nichts als das Summen und Schwirren meiner Gedanken in diesem Kopf aus Stein. Den dieser nutzlose Spiegel nutzlos verdoppelt. Wenn ich könnte, würde ich ihn zerschlagen.

Hier wird alles verändert. Die Geschäfte sind geschlossen, die Passanten bleiben aus. Nur Staub und Krach und der Lärm dieser Grobiane von Bauarbeitern, Handlangern, Transporteuren, die hier als einzige aus und ein gehen. Momentan hocken sie in irgendwelchen Ecken und Winkeln auf zerschlagenen Säulen und halten Mittag.

Irgendwann, bald, werden sie mich packen, mein Spiegelbild wird mitsamt dem Spiegel verschwinden, mein Posieren wird so sinnlos gewesen sein wie diese Gedanken, die mir um die Ohren fliegen. Gedanken, die unbedingt zu dem Schluss kommen möchten, man sei mehr als ein Ding, das man hinstellt und wieder wegstellt, nach Belieben.

Und natürlich hat diese Krümmung des Rückens nichts zu tun mit Vorfreude oder Lachen. Es ist ein Husten und Keuchen, denn sie haben mich gezwungen, meine Eingeweide auszuwürgen.

Eine klassische Statue wollte ich sein, in klassischer Nacktheit und doch zugleich mit klassischem Faltenwurf. Doch ich bin ein posierender Nichtsnutz geworden, ein Clown, ein Blender, ein Rokoko-Bengel, allerhöchstens.

Und jetzt holen sie mich ab.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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