Aktueller Eintrag
Frühere Einträge
Archiv
Schlagwörter

einhorn insel der seligen

La Lola


La Loba war offenbar gestürzt.

Mit einem Satz hatte sie sich auf die Balustrade gesetzt, die lag ja kaum höher als die Beletage. Doch die Loggia-Estrade des Theaters hatte sich zwischen den mittleren Säulen als zu schmal erwiesen. Als La Loba sich abrupt drehte, riss sie der Schwung mit, die Beine blieben hängen und hampelten noch eine Weile auf und ab.

Das sagten die einen.


Die anderen tippten sich an die Stirn, als sie diesen Quatsch hörten.

Sie könne keinesfalls von der Straße her ins Theater eingedrungen sein. Gemessen an ihren unteren Extremitäten seien ihre Hüften zu breit, die Engstelle hätten sie niemals passieren können, ohne wenigstens eine Säule zum Einsturz zu bringen. Übrigens hätte auch der Kontakt mit ihren Beinen den gleichen Effekt gehabt.


Die anderen (die einen waren jetzt die anderen) antworteten mit einem hysterischen Kreischen und baskischen Flüchen. Auf die Estrade, so konterten sie, führten vom Saal aus nur gewöhnliche Doppeltüren, die La Loba niemals hätte durchschreiten ja nicht einmal hätte durchrobben können, ohne dass die ganze Wand herausgebrochen wäre.

So hätte der Streit ergebnislos hin und her gehen können bis zum Sankt Nimmerlein, denn niemand hatte einen der vermuteten Vorgänge beobachtet (auch das Hampeln nicht), diese mussten sich nachts ereignet haben. Nur ein paar Verwirrte riefen dazwischen: La Loba? Wer ist das? Eine Mutation?

Das Theater war wegen laufender Vorbereitungen zu einer neuen Inszenierung vorerst zugesperrt, wie einem Schild am Eingang zu entnehmen war.


An Erste Hilfe dachte vorerst niemand, bis die Ambulanz sirenenheulend eintraf. Ein Nachbar hatte sie alarmiert. Er war auf einen Baum im gegenüberliegenden Park geklettert bis auf die Höhe der Balustrade und hatte keine Spur des gestürzten und sicherlich zusammengekrümmt daliegenden Körpers wahrnehmen können.

Eine Traube von Menschen hatte sich zusammengerottet, begünstigt von der landesüblichen Gewohnheit, kein gemütliches Frühstück zu sich zu nehmen.


Da die Sanitäter keine Leiter mit sich führten, kletterten sie, sich gegenseitig stützend, auf das Dach ihres Wagens. Sie zogen sich das letzte Stück bis zur Brüstung hoch, stießen, als sie ins Innere der Loggia-Estrade blicken konnten, einen unbestimmten Laut aus und ließen sich aufs Dach ihres Wagens zurückgleiten. Sichtlich mit weichen Knien.

La Loba, stotterten sie. Ja, sie liegt da drin, aber sie ist so flach wie eine aufblasbare Puppe, aus der die Luft entwichen ist. Wie eine Kulisse.

Aber die Beine! schrien einige dazwischen.

Ja, die Beine … Die Sanitäter wussten nicht so recht weiter.

Plötzlich setzten sich die Beine in Bewegung, sie kippten und fielen auf den Sanitätswagen, schlugen die beiden Helfer halbwegs k.o., purzelten dann mitten in die Menge der Zuschauer, die sich nicht einigen konnten, in welcher Richtung die Flucht anzutreten sei.

Als hätte oben jemand eine Reißleine gezogen.


Letztlich verlief die lustige Reklameaktion des Theaters ohne Verletzte. La Lobas Beine bestanden aus einem gummiähnlichen Gemisch. Ein paar blaue Flecken akzeptierte jeder der anwesenden Zuschauer, er war ja möglicherweise im Fokus der mit den Lokalredakteuren herbeigeströmten Fotografen gewesen und sein Kopf inmitten der Menge würde in einer navarresischen Zeitung erscheinen.


Das Rufen der Ambulanz war nicht eingeplant gewesen, doch wirkte ihre Anwesenheit auf einige leicht Blessierte beruhigend.


Dass die so lauthals geführten Streitereien von bezahlten Claqueuren geführt wurden, hatte man schnell begriffen. Dass die neue Inszenierung ein Mitmach-Theater sein würde, war schon durchgesickert. Deswegen hatten manche Frühaufsteher einen kleinen Umweg eingelegt, der sie am Theater vorbeiführte.


Riesinnen waren vor allen aus nordischen Sagen bekannt. Sie zähmten Wölfe, erweckten tote Wölfe wieder zum Leben oder verwandelten sich in das heilige Tier. Und der berühmte Tenor Julián Gayarre, geboren in den navarresischen Bergen, hatte selbstverständlich auch Wagneropern gesungen. Zur Erinnerung an den früh Verstorbenen war ein Festival angekündigt, im Zuge dessen es auch zu einer Uraufführung einer Edda-Oper kommen sollte.


Man konnte den pamploneses natürlich keine behaarten Wolfshaxen oder die Muskelpakete von Riesinnen-Waden zumuten. Frauenbeine haben – außer vielleicht im rauhen, kalten äußersten Norden der Welt – glatt und glamourös zu sein, ausgerüstet mit hochhackigen Schuhen, deren Klackern das männliche Herz zusammenzucken lässt. Zumal Gelehrte daran erinnerten, dass das Wort Wölfin in alter Zeit auch für Frauen Verwendung fand, die anschafften.


Das Echo auf die Aktion war überwiegend positiv. Das hätte auch Ernesto Eminuáy gefallen titelte ein lokales Blatt.

Edda und Sanfermines? Das ging einigen wenigen Traditionalisten doch zu weit.


Tatsächlich fiel die Oper La Loba krachend durch.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

WEBDESIGN |  SEPP FISCHER