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einhorn insel der seligen

So und so


Ein Schuhband ist in ein Puzzle schwarzer Platten gekrochen, die sich übereinander geschoben haben.


Eine Szenerie, in der beide Beteiligte ihren Kontakt miteinander dem Zufall verdanken. Eine Absicht meint man allenfalls der Kordel unterstellen zu können, die sich zu einem Knoten zusammenrollt.

Aber ein Knoten hätte keine Aufgabe. Das Bändel umgreift nichts, was nach Knüpfung des Knotens durch eine unsichtbare Kraft bewegt werden könnte.


Eher erinnert die Kordel an eine Tanzprinzessin, die neckisch mit ihrer Quaste unter der verirrten Platte hervor wedelt. Sie könnte auch einen Klettergang abbilden, der vorbei an dumpfem, stumpfem Felsgestein sich hinauf zum Triumph des Gipfels windet. Dort wird ein Stab geschwenkt, der vielleicht bald, mit einem Siegeszeichen geschmückt, dort eingerammt wird für alle Zeiten.


Darüber hinaus beanspruchen die Verschlingungen ein gewisses Maß an Ästhetik. Weiß steht gegen Schwarz, Hell gegen Dunkel, das Bewegliche gegen eine träge, beinahe formlose Masse, was bestimmen kann, nach welcher Seite sich unsere Sympathie neigen wird.


Ein temperamentvoller Springteufel fegt durch seine Gehenna. Seine Kapriolen lassen an den Engel denken, der er einmal war. Dieses öde Land ist seine ewige Strafe.


Eine verschlungene Linie kann ein Schriftzeichen bedeuten. Für einen Buchstaben vielleicht zu verschnörkelt, eher ein Logogramm. Warnt es dich und bedeutet: Vorsicht! oder Alles Land gehört dem Bischof! oder begrüßt es dich mit Willkommen! oder Winterschlussverkauf! Wenn du davor stehst, musst du es wissen. Hat es ein Freund ausgelegt oder ein Feind?


Die schwarze Platte, die einen Teil der Schnur bedeckt, spielt auch mit. Gewisse Details außer Acht lassend, entdeckst du einen Kopf mit einer scharf profilierten Nase und einem weit aufgerissenen Auge. Die obere Hälfte des Kopfes fehlt, scheint in der tiefer liegenden Fläche zu verschwinden. Mithin: kein Gehirn, das dem verschmitzten Spiel des Bändels Paroli bieten könnte.


Schau jetzt woanders hin. Und schau dann wieder hierher.


Ist es nicht vielmehr so, dass die dunkle Fläche dein Auge beruhigt, dass ihre Mehrdimensionalität dein Gefühl von dir selbst bestätigt, du bist ausgeglichen, aber nicht einseitig, sondern vielgestaltig, vielfältig, und zwar ohne großes Trara? Auch du bist doch ein Puzzle, das noch lange nicht fertig ist.


Und die Kordel stiftet Unruhe, windet sich um sich selbst, hat sich halb versteckt, will vorwärts, kriecht aber zurück, die Quaste hängt nach unten, statt ein krönender Kopfputz zu sein.


Du musst dich nicht entscheiden.

Alles ist möglich.


Nicht anders als sonst.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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