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einhorn insel der seligen

Pose


Dort steht er. Er teilt etwas mit. Die Botschaft ist in Zehntausenden von Jahren verloren gegangen.


Es kann eine Warnung gewesen sein. Ein Raubtier mag sich ihm oder der Gruppe, der die Bewegung des Arms galt, genähert haben. Eine unmittelbare, nackte, tödliche Gefahr. Wir denken an den Zoo mit seinen Gittern und zucken die Achseln. Jene Menschen hatten nur die Wahl zwischen dem gemeinsamen Kampf und einer raschen Flucht. Der Warner und die Gewarnten mussten unbedingt und jederzeit gemeinsame Sache machen.


Ein hochgereckter Arm kann auch Abwehr, Verachtung oder sogar Hohn ausdrücken. Wer im Tauschhandel die Leute vom anderen Stamm hereingelegt hatte, konnte aus sicherer Entfernung ein solches Zeichen machen und so seinen Triumph noch mehr genießen. So machen es noch heute Kinder oder Jugendliche, die ein anderes Mitglied ihrer Gruppe düpiert haben und wissen, dass sie schneller laufen als ihr Opfer und sicher sind, dass sie am nächsten Tag keine finstere Rache, kein Hinterhalt erwartet.


Natürlich schaltet sich auch prompt der Herr Geistliche Rat ein und beteuert, die Figur demonstriere ein religiöses Bewusstsein. Nicht nur der Arm erhebe sich zum Himmel, auch das Gesicht folge dieser Bewegung, mit einer Bitte um Beistand oder in Erwartung einer Erleuchtung. Oder handle sich gar um einen Prediger? Ja, warum auch nicht? Vieles ist möglich. Nicht nur wir Laien spekulieren, die Gelehrten tun es auch und lassen ihre Spekulationen sogar drucken, wenn sie sie in angemessener Fachsprache ausformuliert haben.


Wir haben stillschweigend vorausgesetzt, dass die Figur ein männliches Wesen abbildet. Es scheint in jener Zeit üblich gewesen zu sein, die runden weiblichen Formen sozusagen in übersteigerter Begeisterung überdeutlich auszuformen, wenn man eine Frau darstellen wollte. Es war wohl Begeisterung angesichts der Fortpflanzung, die ein Weiterleben des Stammes zu gewährleisten schien.


Die Figur ist so schlank, wie Jäger und Krieger sein müssen. Man traut ihr nicht nur Schnelligkeit, sondern auch Geschmeidigkeit der Bewegung zu. War es einer, der viel oder sogar alles zu entscheiden hatte? Ein Schamane? Ein Stammesführer? Wer diese Figur schuf, wollte sicher nicht irgendjemand beliebigen aus dem Stamm abbilden, sondern eine Person, die diesen repräsentierte.


So wenig ist uns aus fernen Zeiten geblieben, und doch genug, dass wir uns darin spiegeln können. Sowohl die dargestellte Person als auch der Schöpfer der Figur waren genau wie all ihre Zeitgenossen uns in Geist wie Körper völlig gleich, unser Ebenbild. Sie haben wie wir Angst, Stolz, Wut und Trauer empfunden, sie dachten über die gleichen Rätsel des Lebens nach und bestatteten ihre Toten wie wir.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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