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einhorn insel der seligen

Schatten


Die Schärfe gehört dem Augenblick. Die Unschärfe weist in die Vergangenheit. Der Schatten ist noch Sekunden zu sehen gewesen, doch was war es, das den Schatten warf und ihn nun endgültig mit sich nimmt in eine vage Erinnerung?

Der Schatten war durchaus bemüht, die Gestalt, die ihn erzeugt hat, klar und korrekt wiederzugeben. Mein Auge hätte Schritt halten müssen. Jetzt hat sich die Phantasie darüber gelegt. Es war sicherlich die Freude an jener einsamen Farbe, die sie beflügelt hat. Eine Farbe, die der Schatten aus sich heraus zu erzeugen schien.

Natürlich ist ein Schatten dazu nicht im Stande. Farbe ist gebrochenes Licht. Sie erscheint und verschwindet mit ihm und schlägt sich nieder an den Gegenständen, die sich dem Licht entgegenstellen.

Die Brechung des Lichts lässt auch neue Formen entstehen. Die Dinge verändern sich in ihrem Abbild. Sie blühen auf zu neuen Dimensionen. Muster beginnen zu wachsen. Die Phantasie triumphiert.

Das Ding kümmert sie wenig, sie bevorzugt entschieden das Abbild.

Ich sehe es und suche nach dem, was es wiedergibt. Ein Schwall von Worten fliegt vor mir auf wie ein Schwarm von Vögeln, ich habe sie nicht gerufen, aber da ist nichts anderes. Das Bild vermögen meine Worte nicht zu erfassen, nur zu umkreisen, ich kann sie nehmen, das ja, dann sie hochwerfen und wieder fangen oder sie fallen lassen wie ein jonglierender Clown. Die Phantasie nickt und lacht dazu.

Ich werde deswegen den Kopf nicht einziehen oder mir gegen die Stirn schlagen. Ein Clown tut das nicht. Das Bild ist in der Welt, und ich habe es gesehen. Vielleicht haben es außer mir nur wenige gesehen – oder niemand. Meine Phantasie durfte es erfassen und sich sprachlos daran freuen.

Der Schatten ist Schatten geblieben. Er war nie dasselbe wie sein Ursprung. Manchmal hat das Licht sich verborgen und ihn gelöscht, manchmal hat es ihn aus- oder eingerollt wie einen Teppich. Oder er beschrieb einen Halbkreis wie die Zeiger einer Uhr.


Kopfschüttelnd betrachte ich meinen eigenen Schatten.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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