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einhorn insel der seligen

Hass


Ein großes Wort, ein weites Feld. Hass kann aufglühen und wieder verlöschen wie ein brennendes Streichholz. Was liegt zwischen beiden Zuständen?


„Unser Hass verkehrt als Affekt allemal jede Tat in ein ganzes Leben – jede Eigenschaft in eine Person, oder richtiger: da wir die Person doch nur im Spiegel ihrer Eigenschaften erblicken, eine Eigenschaft in alle. … Wir hassen … immer so, als hätte der Gegenstand weder vergangene Tugenden noch Anlagen dazu, kein Mitleiden, keine Wahrheit, keine Kinderliebe, keine einzige gute Stunde, gar nichts.“

Jean Paul, Siebenkäs, Drittes Bändchen, Erstes Fruchtstück


Der Hass erzeugt aus dem Einzelnen das Allgemeine, das Ganze, das Totale. So wie ein aufs äußerste Bedrohter Notwehrmaßnahmen ergreift und selbst zum Täter werden kann.

Allerdings zeigt uns ein Missetäter im Augenblick der Tat nur die eine Seite, das Böse, das Verwerfliche; er lässt uns keine Wahl, wir können ihn einzig und allein aus dieser Perspektive sehen, als einen Schädling innerhalb der Gesellschaft, gegen den Maßnahmen zu ergreifen sind, um weitere Schädigungen zu vermeiden, auch solche, die uns direkt betreffen.

Wir vertrauen der Justiz und ihren ausführenden Organen. Ihnen ist Hass verboten, sie sollen Gerechtigkeit walten lassen.

Wir hassen mit den Opfern. Ist uns der Hass manchmal so wichtig, dass wir die Opfer aus dem Blick verlieren, uns um sie nicht kümmern, sie vergessen?

Hass ist eine Leidenschaft wie Liebe. Wir spüren uns selbst viel stärker als sonst und gelangen zur Sicherheit, dass wir nicht so sind wie die gehasste Person, und zwar radikal: Niemals wären wir zu derlei Taten fähig. Niemals? Die Voraussetzungen für die abscheuliche Tat blenden wir notgedrungen aus. Erfahren wir sie später, tendieren wir dazu, misstrauisch zu bleiben. Aus Selbstschutz.


Ein Streichholz kann sich nicht selbst anzünden. Ein Mensch kann es. Er kann sich selbst hassen und sogar so weit gehen, sich selbst zu töten.

Er blickt in den Spiegel, er sieht dort dieses Gesicht, die Verkörperung all seiner Schwächen, seines Alleinseins, der Aussichtslosigkeit aller Bemühungen. Sicherlich hat er nach Gründen gesucht, wahrscheinlich will er andere dafür verantwortlich machen. Kann er das nicht, kehrt sich die geballte Energie der Verzweiflung gegen ihn selbst.

Wenn das Selbsthasser-Streichholz feixt oder grinst, will es die verhöhnen, die es für seine Lage verantwortlich macht. Ohne Aussicht auf deren Veränderung.


Aus Selbsthass kann schrankenloser Hass entstehen. Hass und Selbsthass können sich so zusammenschließen.


Dann brechen alle Dämme.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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