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einhorn insel der seligen

Roots


Der Heiland tanzt durch eine verschwundene Welt. Die Ministranten staunten ihn an. Tief beugten sie das Haupt, wenn der Priester die Arme hob. Es gab Geheimnisse in der Sakristei, über die sie sich flüsternd unterhielten. Ihre Pullover waren selbst gestrickt. Sie hießen Wolljacken.

Damals.

Sie sind lange gestorben. Sie waren die letzte Generation im Dorf, die mit klaren Gedanken die Messe besuchten und sich sicher waren, dass sie im Gottesdienst tatsächlich Gott dienten.

Soll man alten Fotos bedingungslos glauben?

Der Heiland tanzt noch immer. Sein Doppelgänger, formeller als der Tänzer in einen weißen Burnus gekleidet und einen Fitschepfeil in der Hand, löst sich von der Wand und drängt sich an ihn.

Misstrauisch, aber stolz blicken die gewesenen Buben in Räume und Zeiten, die sie nur mit großer, fast übermenschlicher Anstrengung verstehen könnten. Umgekehrt leisten wir es uns, zurück zu blicken, doch wir tun dies zögerlich.

Denn die Zeit läuft nur in eine Richtung. Wir passen uns ihr an und halten die Gedanken im Zaum, wenn sie anhalten oder gar umkehren wollen. Das bringt nichts – so geht unsere Rede.

Wir glauben es nicht, dass ein Heiland tanzt oder Darts spielt. Einzig deswegen, weil wir überhaupt an keinen Heiland mehr glauben. Das wäre ja zu komisch, reden wir uns ein.

In jener Zeit fand man nach der Kirche stets genügend Spielkameraden. Draußen. Denn zuhause schufteten Mütter, Großmütter, Tanten oder Schwestern im täglichen Kampf mit der Armut. Die Väter gestatteten sich sonntags den Frühschoppen und ab und zu einen Rausch. Werktags waren sie auf Arbeit, im Irgendwo verloren.

Die Ministranten betrachteten ihre Welt mit großen Augen. Sie würden später so leben wie die Erwachsenen. Bloß hier und da ein klitzekleines bisschen anders.

Dass manche Eltern hoffen durften, ihr aufgewecktes Bürschlein könnte Pfarrer werden und sich von kirchlichen Pfründen ernähren, das kam vor, doch diese Hoffnung erfüllte sich selten.

Heute dichten wir dem doppelten Heiland dieses und jenes an und sperren ihn in ein Museum. Als ob ein Tänzer oder Darts-Spieler keine Spiritualität besitzen könnte!

Misstrauen und Stolz benötigen wir mehr denn je. Misstrauen legt der Neugier Zügel an, Stolz stärkt das eigene Denken. Da sind wir nicht anders dran als jene blassen Jungen aus der Zeit, als man dachte, das Wackeln und Brodeln der Welt fände ein Gegengewicht in der Überlieferung, im uralten Glauben.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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