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einhorn insel der seligen

Chez le dentiste


Was ist so schlimm am Zahnarzt? fragt sich mancher. Er bohrt ein wenig herum, er schleift glatt, er zieht einen bösen Zahn. Dabei ist er ein Wohltäter. Wie alle Ärzte, eigentlich.

Nein. Er ist anders.

Er dringt in dich ein. Mit Geräten. Wie ein Chirurgus.

Doch wenn der dir einen Gallenstein entfernt, den Blinddarm oder ein Gewächs irgendwo im Körper, merkst du nichts davon. Du liegst unter Narkose in sanftem Schlummer. Erst beim Aufwachen tut es manchmal ein bisschen weh.

Beim Zahnarzt profitierst du von der Narkose nur an der bestimmten kleinen Stelle, wo der Wohltäter gerade arbeitet. Im Übrigen spürst du jede Bewegung im Mundraum, wo es zu allem Überfluss ziemlich eng hergeht.

Zu deinem Glück wird die Zunge ruhig gestellt und die Backe von innen ausgestopft, doch du empfindest es als das, was es ist: eine Knebelung.

Schließ die Augen. Ein bisschen hilft es.

Das Bohren und Schleifen bewirkt eine Erschütterung im kompletten Beißapparat, der in Schwingungen versetzt wird. Der Speichel sammelt sich an gewissen Stellen, Husten und Verschlucken droht – mit unabsehbaren Folgen für den Weg des laufenden Bohrers oder Schleifapparates.

Sankt Schorsch erledigt seine Arbeiten ohne Narkose. Auch bohrt er ohne Motorunterstützung, er kann auf seine Bi-, Tri- und Quadrizepse zählen.

Die Anzahl der zu behandelnden Zähne ist enorm. Als Gavial hast du ein so genanntes Reusengebiss, deine großen und kleinen Zähne (an die achtzig Stück) greifen perfekt ineinander. Da hat es Sankt Schorsch ganz schön schwer. Er stochert und stochert und schwitzt schon ein bisschen.

Kompromissbereit kommst du ihm entgegen, du spuckst ein bisschen Blut und Speichel aus, damit er ein kleines Erfolgserlebnis hat.

Du musst andererseits scharf aufpassen. Ein Verschlucken der Lanze kommt nicht in Frage. Dir läuft aus anderen Gründen das Wasser im Mund zusammen.

Mit der Spucke fliegen dem Heiligen inzwischen auch ein paar Zähne und Zähnchen entgegen. Er brummt wie der Bär am Lachsbach. Mit dem Reden hat er es halt nicht so.

Die Lanzenspitze arbeitet sich ab.

Schorsch staunt über den Widerstand. Dabei bist du gute vier Meter lang, deine Schnauze allein macht davon ein Drittel aus. Aber mit dem Kopfrechnen hat's der Schorsch auch nicht so.

Er macht und macht. Jetzt stöhnt er schon.

Wie konnte er bloß einen stinknormalen Gavial mit einem Drachen verwechseln? Ein Gavial ist doch kein Waran, der in schnellem Lauf durch den Dschungel donnert und manchmal wirklich Menschen auffrisst.

Es gelingt dir, trotz der Schmerzen im Maul, die du nicht verleugnen kannst, einen intensiven Blickkontakt mit dem tumben Heiligen herzustellen. Das tut keine kleine Wirkung. Schorsch glaubt, er müsse zurückblinzeln. Blinzeln liegt ihm. Doch dabei lässt die Lanze ein wenig nach. Könntest du springen, würde die schwächelnde Lanze vielleicht brechen, aber mehr als einen großen Hopser hast du nicht im Repertoire. Das traust du dich nicht.

Der Heilige ist als nicht nur als Heiliger, sondern auch allgemein als Christ auf Freundlichkeit programmiert. Und aus Blinzeln wird leicht eine Andeutung von Lächeln, eine ungewollte Koketterie. Mit dem Flirten haben es die Heiligen ja nicht so besonders.

Nun passiert etwas.

Du, Drache! entfährt es Schorsch. – Du, Drache? Fügt er kleinlaut hinzu.

Die heiligen Muskeln kriegen auf einmal keinen Saft mehr. Schorsch schüttelt unwillig den Kopf hin und her, die Arbeit ist unterbrochen, was kommt jetzt? Dürfen sich Heilige irren?

Verdammt, kein Drache!

Du spuckst die Lanze aus. Sie ist kaum beschädigt. Deine Zähne werden in Ruhe nachwachsen. So verspricht es Wikipedia. Du nickst dem Heiligen zu.

Und horch! Pirscht sich da nicht ein Riesenwaran züngelnd durchs Gebüsch? Schorsch hat ihn gehört. Diesmal soll ihm kein Irrtum passieren, das wünschst du ihm.

Dein Maul ist wieder frei.

Das war’s! Nur eine klitzekleine Reparatur, sagt Dr. Georg Heiliger und ermuntert dich aufzustehen. Kommen Sie in einem halben Jahr wieder! Und seien Sie weiter so diszipliniert beim Zähneputzen!

O.K. Werd’s versuchen!

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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