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einhorn insel der seligen

Konfrontation


Von dem Philosophen und Schriftsteller M. hab ich gehört, der sich mit vierundzwanzig das Leben nahm. Niemand konnte es so recht nachvollziehen.

M. war ein Mensch, der schon sehr früh Zugang hatte zu intensivem geistigen Leben. Er wuchs auf vor mehr als hundert Jahren im Vielvölkerstaat an einem Ort, an dem sich drei Kulturen und drei Sprachen begegnen. Gleich weit ist es zum Meer wie zum Hochgebirge.

Die Eltern haben das Kind gefördert, wo sie nur konnten. An Geld fehlte es nicht. Dennoch, als das Kind kein Kind mehr war, wollten sie es weiter lenken: nicht dieses Studium, sondern unbedingt jenes; nicht jene Schwiegertochter, sondern eine andere, der Familie gemäße. Wo soll das ehemalige Kind jetzt hin mit seiner Dankbarkeit? Längst und vor der Zeit ist es erwachsen, und das soll nicht gewesen sein?

Auch ein bewunderter Bruder hat sich umgebracht, in unerreichbarer Ferne jenseits des Meeres. Die Nachrichten sind dürftig, ein Verständnis für diese Selbstauslöschung entbehrt jeder Grundlage.

Gleichfalls hat sich die mutmaßlich erste Liebe des M. selbst getötet, und wieder hat es niemand verstehen können. Auch M. nicht. Der hatte nur seinen Schmerz.

Die Pistole, mit der sich M. erschießt, gehört ihm nicht. Er hat sie einem Freund weggenommen, den er für suizidgefährdet hielt. Er will sie für ihn aufbewahren.


Ich habe immer gedacht: Umbringen könnte ich mich nie. Wie aber, wenn eine Reihe unvorhergesehener Ereignisse in einer Kettenreaktion die Gefühle in Wallung und Verwirrung bringen und plötzlich frühere Niederlagen, Blamagen oder Ausbrüche von Verzweiflung in die Erinnerung herauf spülen? Ich weiß es nicht. Vielleicht genügt dann ein kleiner Anstoß, ein unerwartetes Schwanken des Bodens oder ein nie gehörtes Wort, das dich überrollt.

Oder: was in M.s Situation wohl nicht der Fall war, die Aussicht auf ein total menschenunwürdiges Leben, etwa Knechtschaft bis zur Sklaverei, als ein Objekt permanenter Demütigung. Dann wäre Selbstmord fast so etwas wie Notwehr, eine radikale Verweigerung.


Jemanden in Notwehr umzubringen kann ich mir sehr gut vorstellen.


Seltsam, wenn einer das eigene Leben mutwillig zerstört. Seltsam? So viele wollen nichts anderes als sich den Kick geben – das ist nur ein Schritt vor dem Entschluss, sein Leben zu beenden. Was empfinden Extremsportler oder Raser? Oder die Zocker des russischen Roulettes? Ist es der Triumph über den Tod, das Springen von der Schippe, auf das ja auch Schwerkranke manchmal sehr stolz sind?


Der Selbstmord will auch ein Zeichen setzen, ein Fanal sein gegen Gott (oder gegen die Natur) und die Unzulänglichkeiten der Schöpfung: dies ist das Reich, zu dem ich nicht mehr gehören will. Und ich habe die Freiheit auszusteigen. Ich entziehe mich dieser irrsinnigen, widersinnigen Welt (während ihr andere nur faule Kompromisse hervorbringen könnt und euch in Unwürdigkeit unterwerft oder suhlt im Morast).


Das Leben ist doch das einzige, was wir haben! Das werden wir doch nicht wegwerfen!

Wie gut muss es uns gehen, die wir das sagen (und denken)!