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einhorn insel der seligen

Hiob


Auf einem Misthaufen stinkt es immer. Sogar in dieser Einbuchtung an seinem Rand. Der Gestank kommt von beiden Seiten, mischt sich.

Wie du hierhergekommen bist, hast du, willst du, vergessen, so lange hockst du schon in diesem Winkel. Den Hungerstreik hast du nicht durchgehalten. Jetzt bekommst du täglich von der Heilsarmee ein wenig zu essen. Deine Familie will von dir nichts mehr wissen.

Ein Unglück kommt selten allein, heißt es. Aber wenn es so knüppelhageldick kommt und so schnell aufeinander folgend, Schlag um Schlag, da hält es niemand mit einem aus. Unglück ist eine ansteckende Krankheit. Da kannst du keine Familie mehr durchs Leben führen. Da führst du überhaupt niemanden mehr. Vielmehr müsstest du selbst geführt werden. Doch da ist keiner, der das auf sich nähme.

Es ist dir manchmal, als wären sie alle weggestorben, die Kinder, die Frau, die Eltern … bloß ein Sekunden kurzes Gefühl, das die Wahrheit verschleiert: Sie sind noch da und sie hassen dich. Alle.

Dabei hast du ihnen nichts getan.

Wirklich? Hast du ihnen nichts getan?

Du hast ihnen viel weggenommen, seit du nichts mehr besitzt: Belehrung, Vorbild, Unterhalt, Erbe ... Das Bild von der Familie ist besudelt - durch dich. Die Familie löst sich auf. Und rundherum sind alle anderen am Glotzen.

Misthaufen gibt es genug, kommt dir in den Sinn. Zynisch ist das, ich weiß. Beten wäre besser. Aber wenn es ein Höheres Wesen gäbe, einen Schöpfer, dann steckte genau er hinter der Misere, in der du zappelst wie ein Fisch an der Angel. Und reden könnte man nicht mit dem. Mit dem nicht. Der ist selber ein …

Wenn es den Teufel gäbe – na, mit dem könnte man vielleicht verhandeln. Aber derlei Herrschaften werden sich nicht so weit herablassen, dass sie diesen Gestank aushielten. Du selber stinkst ja kräftig mit. Bösartiger Hautausschlag. Oder sind es Pestbeulen? Oder Lepra? Mit dir will niemand etwas zu tun haben. Außer der Dame, aber auch nicht wirklich. Sie macht das Interview, Nase und Mund hat sie unter dicken Binden begraben. Dann wird sie – husch – blitzschnell verschwunden sein.

Weniges hast du gerettet von dem, was du einmal warst: Sie sehen ja, sagst du der Dame, ich halte das Wappen vor meine Blöße, wenn unverhofft Besuch kommt. Ja, ich bin nackt. Die Kleidung ist längst abgefault, aber hier im Mist ist es auch im Winter warm. Mit diesem Löwenfell und dieser Löwenperücke ist es auszuhalten.

Auch wenn die Löwen-Verkleidung schon sehr grindig ist.

Sie sehen, fährst du abrupt fort, ich erzähle Ihnen mühelos das Blaue vom Himmel herunter, und, bitte sehr, Sie haben mir gebannt zugehört. Noch vom Misthaufen aus erziele ich Wirkung beim geschätzten Publikum. Ich bin kein Löwe, und das ist auch nicht mein Wappen. Es ist aus übrigens Pappendeckel, ich bin ja nichts anderes als ein Penner. Dazu das alte, zerrissene Faschingskostüm. Und ein bisschen Getue. Ich gegen die Macht des Schicksals. Und keine Bettelschale vor mir. Das nenne ich Würde, wissen Sie?

Dann brüllst du. Der Löwe brüllt. Das Interview ist beendet.


© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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