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einhorn insel der seligen

Gesichter


Sie scheinen auf, gezeichnet von der Zeit, die einfach so vergangen ist und sie zurückgelassen hat in einer Welt, der sie nichts mehr bedeuten. Nichts anderes sind sie als Narben, die ich ungern betrachte, sie erinnern mich an Wunden.

Die Gesichter sind geschmückt. Es ist mehr als nur eine Körperbemalung: Tätowierungen sind es, etwas, das für immer bleiben will. So wie andere sich Bilder und Zeichen in die Haut ritzen lassen, vier Kreuze auf den Leib oder einen Glück verheißenden Spruch.

Sie sind tot. Ihre Zeit ist mit ihnen gestorben. Als Tote, die überdauert haben, erleben sie ein winziges Stück Ewigkeit und gaukeln mir vor, Ewigkeit sei mehr als ein Hirngespinst.

Sie blicken mich an und blicken doch an mir vorbei. Ihre Welt liegt hinter mir. Wenn ich mich umdrehe, ist sie verschwunden. Was hätten sie mir sagen wollen?

Ich muss sie unverwandt ansehen. Sie tragen die Farben des Steins, doch sie bestehen aus etwas anderem. Und plötzlich erkenne ich: sie lösen sich heraus aus Zeichen, aus denselben Zeichen, die der Nachbarstein trägt. Aus Kreuzen, zwischen denen Kettenornamente sich ineinander winden.

Die Trauer der Münder, der aus den Augen fließende Trübsinn sind für Augenblicke verschwunden. Ich habe in einer abstrakten Form den Menschen gesucht, sein Bild, mein Ebenbild. Doch was ich sehe, ist die filigrane Arbeit eines Steinmetzen. Phantastereien sind meine Gedanken über Tod, Zeit und Ewigkeit.

Und doch habe ich recht. Ich sehe Gesichter, Gesichter gehören zum Menschen, zu mir, zu alldem, was Menschen an Gutem und an Bösem veranstalten. Wer von Phantasterei redet, hat nur die Geometrie im Kopf, die Geometrie von Kreuz und Kette, die uns nicht genügen darf. Wir halten die Phantasie fest, die uns gegeben ist. Einzig sie kann uns retten vor der Brutalität und Sinnlosigkeit der Natur – wenn wir diese nämlich schön finden.

So will ich mich von diesen in mühevoller Arbeit behauenen Steinen bezaubern lassen, will sie als Zeugen sehen eines früheren Lebens, von dem ich so gut wie nichts weiß, so rauh und wild und grausam es gewesen sein mag. Ich kann den Stein verwandeln. Ich kann in ihm lesen, was immer ich will. Das ist meine Freiheit. In einer Zeit, die nicht weniger grausam und wild und rauh ist als die Zeit jenes Steinmetzen und jener Kreuzesfrömmigkeit.

Ich erkenne mit einem Mal ein weiteres Gesicht zwischen zwei Kreuzen, ein tierartiges, mit kurzen Ohren. Ein Teufelchen, das sich klein macht, um seine Bosheit umso wirkungsvoller auszuleben?

Satan ist ein ganz besonders vielseitiges, besonders schillerndes Produkt unserer Phantasien.

© 2014 by CLAUS MARTIN OSTERMAIR

 

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